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Ein Hilfspaket zum Lesen

Obdachlose, Drogenabhängige und Reisende in Not suchen in Bahnhofsmissionen Hilfe. Um gute Ideen zu Hilfsangeboten austauschen zu können, sammeln die Bahnhofsmissionen diese nun in einem Handbuch für ehrenamtliche Mitarbeiter.

Reisender am Münchner Hauptbahnhof Reisende am Münchner Hauptbahnhof Frauenhaus Karla 51, das nur wenige Gehminuten vom Münchner Hauptbahnhof entfernt ist
Beleuchtetes Hinweisschild der Bahnhofsmission München Aufenthaltsraum der Münchner Bahnhofsmissions Schwester Monika bei der Arbeit in der Bahnhofsmission

Von Felix Scheidl

München Hauptbahnhof: Freitagnachmittag. In der kühlen Bahnhofshalle herrscht lebendiges Treiben. Es richt süß und würzig vom Grill aus der Imbissbude; vereinzelt ziehen einige Rauchschwaden aus den Raucherbereichen in die Halle. Unter der hellblau leuchtenden Anzeigentafel stehen fünf Jugendliche und trinken Bier. An der Wand neben Gleis 11 hängt ein großes gelbes Schild: "Bahnhofsmission" ist darauf zu lesen.

Hinter der gläsernen Tür sitzen drei kleine Frauen auf einer Bank und trinken heißen Tee aus Plastiktassen. Ihr weniges Hab und Gut haben sie in Tüten verstaut. Eine betrunkene Frau konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, sie liegt auf dem Boden. Ein Mann mit langem grauem Haar und Bart schläft auf einem Stuhl und schnarcht leise. Hinter einem hölzernen Tresen stehen der Student Phillip und Schwester Monika. Einige Tische stehen im Raum, es ist angenehm warm. Für jeden, der Hilfe benötigt und in die Mission kommt, gibt es eine Tasse Tee am Tresen. "So nehmen wir zu den Menschen Kontakt auf und kommen mit ihnen ins Gespräch", erklärt Phillip.

Tee, Brot, Gespräche - alles kostenlos

Mehr als 300 Männer und Frauen kommen täglich in die Bahnhofsmission. Manche trinken nur eine Tasse Tee, essen einen Bissen - beides umsonst - oder leihen sich Geld für einen Fahrschein. Reisende, die nicht tief in finanziellen Nöten stecken, verpflichten sich, das geliehene Geld an die Bahnhofsmission zurück zu überweisen. Wieder andere suchen einfach die Möglichkeit zu einem Gespräch, um über ihre Sorgen, Ängste und Süchte zu sprechen. Für diese Menschen ist die Bahnhofsmission nur eine erste Anlaufstelle: Sie werden an Obdachlosenunterkünfte oder andere Häuser für Hilfesuchende vermittelt.

Alle Bahnhofsmissionen in Deutschland haben dieselben Ziele und Aufgaben, sie bilden ihre Mitarbeiter in denselben Schulungen aus, doch wie sie die tägliche Arbeit gestalten, mit wem sie zusammenarbeiten und wie sie ihre Arbeit finanzieren, entscheidet jede Bahnhofsmission selbst. An Ideen für die Finanzierung mangelt es nicht - so veranstalten manche Bahnhofsmissionen sogar Aktionstage oder Rockkonzerte. Und in Düsseldorf wurde, um die Kassen der Mission zu füllen, das Fußballtrikot des Nationalspielers Metzelders versteigert.

"Kleineren Bahnhofsmissionen fehlt es aber oft an Ideen und Zeit sowie an einem Plan, wie man diese Ideen umsetzt", sagt Hedwig Gappa-Langer, zuständig für die bayerischen Bahnhofsmissionen in katholischer Trägerschaft. "Deshalb müssen sich die Bahnhofsmissionen untereinander besser austauschen."

Simple Idee, starke Wirkung

Um die Vernetzung zwischen großen und kleinen Bahnhofsmissionen voran zu treiben, hat die "Projektgruppe Zukunftssicherung" der bundesweiten Bahnhofsmissionen ein neues Projekt angestoßen: In einer Datenbank für das Intranet, die auch als gedrucktes Handbuch an die Bahnhofsmissionen verteilt werden soll, kann jede Mission von ihren gelungenen Aktionen berichten. "Diese Ideensammlung soll Anreize geben, überzeugend um Spenden zu werben, wirkungsvoll Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und niederschwellige Hilfe anzubieten - beispielsweise mit der Vermittlung obdachloser Frauen an ein Frauenhaus", so Gappa-Langer.

Fragt man Schwester Monika, von welchem Münchner Projekt andere Bahnhofsmissionen lernen könnten, so nennt sie die gute Vernetzung der Anlaufstellen für Hilfesuchende in München. Das Konzept ist simpel: Die Organisationen treffen sich regelmäßig in Gremien - auch mit der Stadt München. Um in ständigem Kontakt zu bleiben, ist eine detaillierte Datenbank mit allen Anlaufstellen, Ansprechpartnern und deren Telefonnummern entstanden. Die richtige Hilfe, beispielsweise für eine obdachlose Frau, die Schutz in der Bahnhofsmission sucht, ist somit nur einen Mausklick und Anruf entfernt.

Das Frauenhaus - nur einen Mausklick entfernt

Die gute Zusammenarbeit war schon eine fruchtbare Grundlage für viele gemeinsame Projekte. Beispiel: das Frauenhaus "Karla 51", das nur wenige Gehminuten vom Münchner Hauptbahnhof entfernt liegt. Hier finden Frauen Zuflucht, die vorübergehend ihren Wohnsitz verloren haben. Mütter mit kleinen Kindern, ältere Migrantinnen, Menschen mit Drogenproblemen. "Hätten die Hilfsorganisationen nicht so gut zusammengearbeitet, würde es dieses Haus wohl nicht geben", meint Gappa-Langer. Deshalb wird auch die Vernetzungsstrategie der Münchner Hilfsorganisationen einen Platz in dem Handbuch für ehrenamtliche Mitarbeiter der Bahnhofsmissionen finden.

Über der Münchner Innenstadt dämmert es inzwischen. Die Tische und rund 25 Stühle in der Bahnhofsmission sind fast alle besetzt. Die Hilfesuchenden kennen sich: Ein Obdachloser mit Glatze und grauer Jacke flirtet mit einer blonden Frau am Nebentisch, die Kreuzworträtsel löst. In der Ecke diskutieren zwei Männer lebendig. Ein Rollstuhlfahrer schiebt sich an den Tischen vorbei, um Phillip um eine Tasse Tee zu bitten. Als Schwester Monika den Raum betritt, erhebt sich einer der Teetrinker, um für sie eine Tasse Tee zu holen. Die Menschen sind froh, für kurze Zeit einen angenehmen Platz gefunden zu haben.


Felix Scheidl

Autor: Felix Scheidl

Felix Scheidl wohnt in Weilheim in Oberbayern und schreibt als freier Journalist für den SPIESSER, Fluter.de, den SchulSPIEGEL und andere Print- und Onlinemedien. Seit 2004 ist Felix bei der Jungen Presse Bayern aktiv: als Herausgeber eines Jugendpressemagazins und als Referent für journalistisches Schreiben und Arbeiten.


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