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Besuch aus dem Nichts

Schülerinnen tauchen im AWO-Wohnheim Saarbrücken in die Welt von Demenzkranken ein. Ein Ort im Hier und Jetzt - mit Musik aus der Vergangenheit.

Gebäude der Arbeiterwohlfahrt Die Begegnungsstätte Saarbrücken Klara König
Klara König auf dem Sofa Kurzzeitpflegegast Wolfgang Graul und Sonja Grün

Von Weixin Zha

Auf der Demenzstation herrscht Ruhe. Die Frauen und Männer sitzen an Tischen, manche im Rollstuhl. Ihre Bewegungen sind verlangsamt, die Blicke leer und starr, ein Mann ist taubstumm. Diese Menschen leben ausschließlich in der Gegenwart. Ihr Gedächtnis wirkt nur für Minuten. Wenn jetzt jemand den Raum verlassen würde - er könnte ihn gleich wieder als völlig neue Person betreten.
Auch Tiziana Amendola (18), Svenja Bereck (18) und Jessica Lange (16) besuchen und verlassen die Welt der Demenzkranken immer wieder: Sie sind Teilnehmerinnen des Projekts "ver-(w)-irren". Ihre Einblicke und Erlebnisse verdanken sie einer Beobachtung der Ehrenamtlichen im Arbeiterwohlfahrt-Ortsverein Alt-Saarbrücken: die immer größer werdende Kluft zwischen jungen und alten Menschen, insbesondere kranken alten Menschen.

Erst Vortrag, dann Kräutergarten

Jugendliche Besucher fehlten weitgehend in der AWO-Begegnungsstätte, die jeden Donnerstag Nachmittag für alle offen steht und in die auch die Demenzkranken vor gut vier Jahren erstmals zu Kaffee und Kuchen kamen. "Bei ihren Besuchen im Erdgeschoss bekommen die Bewohner der Station Abwechslung und Kontakt zu Menschen von außerhalb", sagt Sonja Grün (61), ehrenamtliche Leiterin der Begegnungsstätte. Sie und Monika Stein (53), die Pflegedienstleiterin der Demenzstation, kamen deshalb auf die Idee, Jugendlichen die Welt von Demenzkranken zu zeigen.
Mit Informationsveranstaltungen an weiterführenden Schulen weckten sie bei 17 Jugendlichen Interesse für regelmäßige Besuche im Wohnheim, drei Schülerinnen machten schließlich bei dem Projekt mit. Tiziana, Jessica, Svenja. Im Laufe von zwölf Monaten hörten sie Vorträge über Demenz, legten mit Demenzkranken einen Kräutergarten an und sahen ein Theaterstück über eine demente alte Dame. "Am Anfang wusste ich gar nicht, wie ich mit den Demenzkranken umgehen soll", erinnert sich Svenja. Jessica dagegen war mit der Krankheit schon vertraut: Ihre Großmutter ist selbst betroffen, und um ihrer Mutter Ratschläge geben zu können, nahm sie am Projekt teil.

Das Gedächtnis geht - der Charakter bleibt

"Demenz ist eine Krankheit, die sehr viel mit Verlust zu tun hat. Am Anfang kann es der Verlust im Gedächtnis sein, aber der Verlust der Sprache und der Motorik können folgen", sagt Monika Stein. Bis heute sind noch nicht alle Ursachen für die Krankheit geklärt. Das Fortschreiten von Demenz kann durch Medikamente oder Therapie verzögert werden, aber die Krankheit kann nicht geheilt werden.
So sehr sich die Menschen verändern - bestimmte Charakterzüge bleiben oft erkennbar. Tiziana ist stark beeindruckt, wie die Pfleger das einer 94-Jährigen erklären, die ständig wütende, aggressive Schreie von sich gibt: Früher war die Frau Besitzerin eines Ladens und eine sehr dominante Persönlichkeit - und das zeigt sich noch heute. Ihre Schreie mischen sich mit dem Zwitschern der "Unzertrennlichen" in ihrem Käfig: Vögel, die zur Therapie eingesetzt werden. Tiziana muss in solchen Situationen manchmal schlucken, sie hat Mitleid. Jessica bringt auch Tizianas Gefühle auf den Punkt, wenn sie sagt: "Ich kann nicht helfen, trotzdem suche ich nach einer Möglichkeit."

Alte Schlager machen Laune

Die Senioren leben auf vier Etagen, jede wirkt wie ein Krankenhausflur, in dem Omas Möbel stehen. Schlagermusik schallt durch die Gänge. In der untersten Etage sind die weniger schwer Erkrankten untergebracht. Klara König wohnt in diesem Stockwerk. Sie hat ihr eigenes Zimmer mit ihren alten Schränken, ihrem Sofa, und Schwarz-Weiß-Fotos von sich und ihrem Mann in jungen Jahren.
Auch Elfriede Kirch und eine andere Frau in Kurzzeitpflege gehören zu den "leichten Fällen": Sie sitzen im Gemeinschaftsraum und rauchen - obwohl auf der Station eigentlich nicht geraucht werden darf. Dass die beiden Damen es trotzdem tun, zeigt, dass Pflegerinnen und Pfleger auf ihre Biografie eingehen, ihnen das alte Leben nicht ganz wegnehmen. "Es ist wichtig, dass die Bewohner sich wohl fühlen" sagt Monika Stein. "Deshalb habe ich bei der Auswahl von Möbeln und Dekoration immer an meine Großmutter gedacht. Und bei einem bekannten Lied aus dem Radio blühen manche richtig auf und singen viele Strophen sogar auswendig mit."


Autor: Weixin Zha

Weixin Zha wurde am 16.03.1989 in Lanzhou, Volksrepublik China, geboren. Mit vier Jahren zog sie zu ihren Eltern nach Saarbrücken, Deutschland, wo sie immer noch lebt. Seit 2006 ist sie freie Mitarbeiterin bei der Saarbrücker Zeitung. Davor schrieb sie bei der Schülerzeitung am Ludwigsgymnasium und für die Jugendredaktion JUMP der Saarbrücker Zeitung. Dieses Jahr macht sie Abitur. Anschließend zieht sie ein Studium in Betracht oder erst ein Jahr europäischen Freiwilligendienst.

Interessen: Sprachen, Literatur, Kunst, Badminton, Tischtennis, Reisen


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