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Generationen im Gewusel

Die Jugendgruppe im Mehrgenerationenhaus von Hamburg-Billstedt filmt alles und jeden. So lernen die Mädchen und Jungen auf launige Weise die soziale Arbeit im Haus kennen - und ganz nebenbei Kamera- und Interviewtechniken.

Schlagwörter: Begegnungsstätte, Filmprojekt, Freiwilligenarbeit, Mehrgenerationenhaus

Oliver Schulz hält eine Kamera in der Hand und erklärt Dennis und Daniel, wie diese funktioniert. Die beiden schauen konzentriert. Dennis interviewt einen Mitarbeiter des "Jobcafés". Im Vordergrund sieht man, wie die Szene auf dem Kameradisplay erscheint. Zwei Jugendliche beim Kameratraining vor einem großen Spiegel. Ein Madchen hält die Kamera in der Hand.
Phylis filmt mit der Kamera. Im Hintergrund zwei junge Männer. Zwei Kameras und und ein bunter Hariboteller: Die wichtigsten Utensilien.

Von Lena Schüch

"Drei, zwei, eins - und Ruhe!" Mit einem Mal hören alle im Raum auf zu reden. Synchron drücken Babje an Kamera 1 und Dennis an Kamera 2 auf "Record". Das Interview beginnt. "Wir befinden uns hier in Billstedt. Neben mir sitzt Herr Holst, der Leiter der Freiwilligenbörse", spricht Phylis ins blaue Mikrophon und wendet sich ihrem Gesprächspartner im dunklen Anzug zu. "Herr Holst, was machen Sie genau bei Ihrer Arbeit?"

Vier Interviews sind es an diesem Abend, die ein paar Jugendliche im Mehrgenerationenhaus des Hamburger Stadtteils Billstedt führen und filmen. Sie sind nur ein Puzzlestück des Projekts "Mit dem Leben verbinden", denn die fertigen Interviews werden mit weiteren Filmsequenzen zusammengeschnitten, die noch gedreht werden müssen. Am Ende soll ein Film im Kasten sein, der die generationsübergreifende Begegnungsstätte der evangelischen Kirchengemeinde und die Freiwilligenarbeit im Haus portraitiert. "Doch das ist nur ein nettes Ergebnis", sagt Projektleiter Rainer Picker. "Im Vordergrund steht das Tun selbst."

Gut zuhören statt schnell reden

An diesem Abend befragen sechs Mitglieder der Jugendgruppe Mitarbeiter des "Job-Cafés". Im von hoher Arbeitslosigkeit und Migration geprägten Billstedt ist das Café eine Oase, in der Arbeitssuchende Hilfe und Beratung finden können. "Wie sind Sie zur Freiwilligenbörse gekommen?", fragt Phylis als nächstes ihren Interviewpartner. Unauffällig schaut sie auf den Fragenzettel in ihrem Schoß, den die 15-Jährige zuvor mit ihrer Freundin Babje entwickelt hat. Langsam und deutlich sprechen, dem Gesprächspartner konzentriert zuhören und bei Patzern einfach weitermachen, denn schließlich kann man alles schneiden - diese Regeln haben die Jugendlichen in der Einführung vorher gelernt und versuchen sie nun in den Interviews umzusetzen. Gar nicht so einfach, wenn man normalerweise eher schnell redet und auch sonst zu der lebhaften Sorte Mensch zählt...

"Hat das Zebra schwarze oder weiße Streifen?" fragt Phylis lachend - ihre Lieblings- und eine Überraschungsfrage für die Interviews, die sie immer zum Abschluss stellt. Kaum ist das Gespräch vorbei, schnappt sich auch Phylis die Kamera und stellt sich mit Babje vor den großen Spiegel im Raum: "Komm, wir drehen ein Babje-Phylis-Movie!" Vielleicht in schwarz-weiß? Die Funktion haben die beiden gerade neu im Menü der DigiCam entdeckt.

Zoom auf die Perlohrringe

Weiter geht es, Treppe rauf, Treppe runter. Zwischen den Interviews wuselt die Gruppe mit drei ehrenamtlichen Betreuern durch die Gänge - mal hier hin, mal da hin. Die Kamera ist immer dabei. Laut lachend filmen sich die Jugendlichen immer wieder gegenseitig - nicht nur weil das Posieren und das Beobachten ihnen ungeheuren Spaß, sondern weil auch kleine spontane Szenen nachher in den Film sollen.

Auch wenn heute keine der sonst so beliebten generationsübergreifenden Bowling-Sessions auf der Wii Sports veranstaltet wird, so hält das "Mehrgenerationenhaus" doch was sein Name verspricht: Überall treffen Menschen verschiedener Altersgruppen zusammen. Und das gibt viel Stoff für Interviews: Draußen und drinnen befragt die Gruppe ehrenamtliche Mitarbeiter des Job-Cafés, oben in einer Art Konferenzraum wird das Treffen der Freiwilligenbörse auch gleich mitgefilmt: Mikrophon eingestöpselt, Kamera eingestellt - uuuuund Äääääääkschn! Und den Literaturkreis einiger Damen, die im gedämpftem Licht bei Haferkeksen zusammensitzen, nehmen Phylis, Babje und Gaby auch noch mit. Sie huschen auf ein paar Fragen hinein, schauen auf die Bücher.. "Ah, Sie lesen gerade `Das Mädchen mit dem Perlohrring´", sagt Gaby, und Phylis zoomt mit der Kamera darauf.

Wer liebt, schenkt Gummibärchen

"Die Jugendlichen sollen durch die Interviews vor allem den Wert von Freiwilligenarbeit schätzen lernen", sagt Rainer Picker über das Projekt. Fragt man Phylis und Babje, was das Projekt für sie bedeutet, so antworten sie ohne zu Zögern: "Spaß!" "Man trifft hier Leute, die man sonst nicht so oft sieht und macht was zusammen", sagt Phylis. "Das ist echt immer lustig." Doch der Eindruck, dass die Jugendlichen den ernsten Hintergrund des Projekts verkennen, täuscht: Sie haben dadurch so viel über soziale Arbeit gelernt, dass sich die meisten sogar eine Tätigkeit in diesem Bereich vorstellen können. So sagt Babje: "Ich möchte vielleicht in Richtung Behindertenhilfe gehen", und Phylis meint: "Ich eher so Richtung Kinderbetreuung." "Dann sehen wir uns in der Kaffeepause!" sagt Babje, und beide schauen sich an und lachen.

Schon während der Einführung in Interview- und Kameratechnik hat ein Projekt-Mitarbeiter die Jugendlichen gefragt: "Wie ist es, für jemanden etwas zu tun, ohne dafür etwas zurückzubekommen?" "Wenn man jemandem ganz viel Liebe und Zuneigung gibt, bekommt man irgendwann alles zurück", sagt Babje in scherzhaftem Ton und nimmt ein paar Weingummis aus der Schale, die auf dem Tisch steht. Den Großteil davon gibt sie Phylis. So zeigt sich im Kleinen, was Freiwilligenarbeit bedeuten kann: Es ist ein Geben, aber auch Nehmen. Und ob das Zebra nun schwarze oder weiße Streifen hat, liegt im Auge des Betrachters.


Porträt Lena Schüch

Autor: Lena Schüch

Lena Schüch studiert "Deutschsprachige Literaturen" auf Master an der Universität Hamburg. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einer Lokalzeitung und hat diverse Texte online veröffentlicht (u.a. "Sonntagstexte" für zuender von ZEIT online).


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