Vorurteile auf der Bühne
"Papa, was ist ein Fremder?" fragt ein berühmtes Kinderbuch. Eine Elmshorner Theatergruppe gibt Fünft- und Sechstklässlern Antwort - und bringt sie zur Diskussion über Rassismus und Integration.
Von Anna Gesine Kneifel
Am Anfang stand die Frage: "Papa, was ist ein Fremder?" Die naive Frage der zehnjährigen Mériem an ihren Vater Tahar Ben Jelloun war der Zündfunke für das gleichnamige Buch des marokkanischen Schriftsteller, der mit seiner Familie in Frankreich lebt. Auf der Suche nach einer Antwort entwickelt sich in dem Buch ein Gespräch zwischen Vater und Tochter, das von Ausländern über Vorurteile gegenüber Fremden bis hin zu Rassismus und Genozid führt.
Horst Marn, ein begeisterter Laienschauspieler aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn, setzte den Vater-Tochter-Dialog in ein pädagogisches Stück um. 45 Minuten dauert die Aufführung - und passt somit in eine Schulstunde. Eine clevere Idee von Marn, denn nachdem das Werk auf dem dritten interkulturellen Friedensfest in Elmshorn uraufgeführt wurde und dort gute Kritiken bekam, konnten die Initiatoren mit ihrem Stück in die Schulen gehen.
Die Aula wird zum Debattierklub
Und so verwandelt sich die Bühne mancher Schulaula für eine Stunde in ein Kinderzimmer mit Stofftieren, Harry-Potter-Postern und einem Gymnastikball, auf dem "Mériem" lieber herumturnt als ihre Hausaufgaben zu machen. Gislinde Zietlow, zugleich Regisseurin des Stücks, verkörpert das marokkanische Mädchen, das nicht nur von kindlichem Bewegungsdrang umgetrieben wird. Da sind so viele Fragen, die sie ihrem Vater stellen möchte...
"Was können wir gegen den Rassismus tun?" fragt Mériem ihren Vater. Sie ist auf seinen Schoß geklettert, blickt ihn erwartungsvoll an und scheint mit den Fragen gar nicht aufhören zu wollen. Alle kreisen um die Themen Rassismus und Integration - und werden von ihrem Vater im Bühnenstück bereitwillig beantwortet: "Wir können lernen. Uns bilden. Nachdenken. Zu verstehen versuchen, auf alles Menschliche neugierig sein, unser natürliches Misstrauen überwinden, unsere Vorurteile hinterfragen..."
Eine Mahnung, die das junge Publikum direkt ansprechen und zur Auseinandersetzung mit der Thematik Fremde und Fremdenfeindlichkeit auffordern soll. Durch Nachdenken zum Verstehen anregen, neugierig machen und auffordern, eigene Vorurteile zu hinterfragen: So umreißen die Initiatoren ihre Ziele. Nicht umsonst ist das Stück häufig eine Basis für Diskussionsveranstaltungen - fast jede Theateraufführung mündet in eine lebhafte Debatte mit den Fünft- und Sechstklässlern. "Das Gespräch ist genau so wichtig wie das Theaterstück, wenn nicht sogar wichtiger", findet Gislinde Zietlow.
Das Stück ist erst der Anfang...
Deshalb ist für sie und Horst Marn das Theaterstück auch mehr als eine Vorführung - die beiden sprechen vom Projekt "Interkulturelle Kompetenzen", das den Dialog und das friedliche Mit- und Nebeneinander von Kulturen und Religionen fördern soll. Denn ist kaum denkbar, dass die Zuschauer die Aula verlassen und das Gehörte und Gesehene vergessen - da ist es wahrscheinlicher, dass das gemeinsam gesehene Theaterstück zum Gesprächsgegenstand eines muslimischen und eines katholischen Kindes wird. So können nach Ansicht von Zietlow und Horn Unterschiede herausgestellt, aber auch Gemeinsamkeiten gefunden werden - und vor allem Vorurteile im frühesten Kindesalter abgebaut werden.
Ein Theaterstück, davon sind die Organisatoren überzeugt, macht ein komplexes Thema wie "Integration" sowohl für Kinder aus deutschen als auch aus Migrantenfamilien am besten greifbar. Sicherlich trägt auch die Figur dazu Mériem bei, denn sie bietet reichlich Möglichkeit zur Identifikation: Die einen erkennen in Mériems Neugierde und Abneigung gegen die Hausaufgaben eine Seite von sich selbst wieder, die anderen in ihrer Herkunft und den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten: Selbst ein noch junges Mädchen sieht sich wegen ihrer Nationalität schon mit Rassismus konfrontiert.
In Mériems kindlich-phantasievolle Exkurse können sich jedenfalls alle Schüler hinein denken. Und ihre Schlussfolgerung "Dann müssen Rassisten ja automatisch dumm sein!" erntet besonders bei den jüngeren Schülern jedes Mal ausgiebiges Gelächter, bewirkt beim manchem Kind aber auch das gewünschte Nachdenken über sich selbst - und die anderen.
Bisher ein Kommentar zu diesem Magazin-Artikel
Horst Marn (Gast), 02.05.08, 15:09 Uhr
Liebe Frau Kneifel,
und ob wir uns an Sie erinnern! Wir sind begeistert von der exakten und verständ-
lichen Berichterstattung über unser Projekt, welches wir jetzt schon für weitere
Städte in Schleswig-Holstein beantragt haben. Wir sind überzeugt, dass Ihre
Veröffentlichung dem Projekt sehr dienen wird und werden Ihren Bericht auch
»weiterreichen«.
Sollten Sie Zeit und Lust haben, können wir Ihnen gern auch andere unserer
Jugendprojekte vorstellen.
Wir wünschen Ihnen auch weiterhin großen Erfolg in Ihrer journalistischen
Karriere.
Mit herzlichen Grüßen
Einwandererbund e. V.
Horst Marn
1. Stv. Vorsitzender
und Leiter des Projektes Interkulturelle Kompetenz







