Die Abstimmung mit dem Einkaufswagen: Plädoyer für verantwortungsvolles Einkaufen.
Dr. Tanja Busse , Journalistin mit Schwerpunkt Verbraucherschutz und Landwirtschaft und Hörfunkmoderatorin beim Westdeutschen Rundfunk.
Niemand will Gammelfleisch im Döner oder Gen-Reis im Risotto. Und niemand will Kleidung von unterbezahlten Textilarbeiterinnen. Auch keine Mobiltelefone, an denen das Blut von Kindersoldaten klebt, Taschentücher aus Urwaldholz oder Teppiche, die von Achtjährigen geknüpft wurden (246 Millionen Kinder arbeiten für ihren Lebensunterhalt). Niemand will das alles, und trotzdem werden diesen Waren gekauft.
Bei der Herstellung unserer Waren geht es nicht immer rechtens und schon gar nicht moralisch zu, Missstände sind Normalität, und wir, die Konsumenten in den reichen Ländern, wissen das mehr oder weniger. Einkaufen hat seine Unschuld verloren, bloß lassen wir uns gerne ablenken. 29 Milliarden Euro geben Unternehmen allein in Deutschland für Werbung aus. So übersehen wir nur all zu leicht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was wir konsumieren, und den Umständen, unter denen es hergestellt wird. Wir handeln, als hätten wir vergessen, dass unsere Nachfrage diese Umstände beeinflusst.
Dabei erleben wir gerade eine allgemeine Ökonomisierung, in der sowohl die Bedeutung des Konsums für den einzelnen als auch die Wirtschaft für die gesamte Gesellschaft immer wichtiger werden. Der Markt eignet sich immer mehr Sphären des öffentlichen und privaten Lebens an, und die politischen Reformen der letzten Jahre verstärken das. Es scheint, als solle die politische Ordnung des demokratischen Staates zukünftig nicht mehr als der Rahmen sein, innerhalb dessen die Bürger vor allem als Konsumenten agieren. Wenn es uns aber immer unwichtiger wird, Bürger zu sein, während wir gleichzeitig immer lieber und öfter Kunde sein wollen, ist es an der Zeit, den Konsum als politische Handlung zu verstehen.
Ähnlich wie vor etwa hundertfünfzig Jahren aus Untertanen Bürger wurden, müssten jetzt aus gefühlsgeleiteten und verführten Käufern aufgeklärte und emanzipierte Konsumenten werden, die ihre Konsumverantwortung übernehmen, statt sich von Werbung „betüdeln“ zu lassen.
Die Konsumenten sind nur solange ohnmächtig, wie sie an diese Ohnmacht glauben und danach handeln. Politischen Konsum gibt es längst, er wirkt nur nicht, weil die politischen Konsumenten nicht recht an ihre Macht glauben und deshalb nicht konsequent nach ihren Vorstellungen handeln. Verstünde man aber einkaufen wie wählen, wäre das anders. Bei einer politischen Wahl weiß jeder, dass die eigene Stimme nicht wahlentscheidend ist, und glaubt trotzdem an ihr Gewicht. Würde man seine Entscheidungen beim Einkaufen ähnlich ernst nehmen, könnte man nicht länger leichtfertig Waren kaufen, deren Herstellung man nicht billigt.
Der Soziologe Ulrich Beck hat den politischen Konsumenten als Gegenmacht der globalen Zivilgesellschaft bezeichnet, die bislang kaum entfaltet sei. Er glaubt, der schlafende Riese Konsument könne - richtig organisiert - erwachen und den Kaufakt in eine Abstimmung über die weltpolitische Rolle der Konzerne verwandeln. Es gibt Anzeichen, dass dies endlich geschieht, dass der schlafende Riese aufwacht: Der Marktsegment von ökologischen und fair gehandelten Produkte steigt kontinuierlich, sogar die Discounter haben sie in Bio- und Fairtrade-Produkte ins Sortiment genommen, und immer mehr Deutsche investieren in nachhaltige Geldanlagen. „Geiz ist geil“ ist vorbei, sagen die Trendforscher, und Frauen- und Modemagazine wie Elle und Vanity Fair propagieren den neuen Promi-Lifestyle der LoHaS – den Lifestyle of Health and Sustainability – nach dem nur gekauft wird, was gesund und nachhaltig ist. Und manche Unternehmen ziehen mit, das Handelshaus Otto etwa fördert den Anbau von Biobaumwolle in Afrika, wovon 180 000 Baumwollbauern profitieren.
Noch vor sieben, acht Jahren hätten die Textilunternehmen ihre Arbeit belächelt, sagt Christiane Schnura, die die Konsumentenproteste der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) organisiert. „Heute treten sie mit uns in den öffentlichen Dialog. Die Unternehmen wissen ganz genau, dass jede Arbeitsrechtsverletzung in ihren Zulieferbetrieben, die uns zur Kenntnis kommt, ihr Image verletzen kann.“ Ordentliche Bezahlung und soziale Mindeststandards in Billiglohnländern würden sich nur minimal auf den Preis auswirken: Der Anteil der Lohnkosten einer Näherin am Preis eines Marken-T-Shirts ist so gering, dass es dem Käufer kaum auffallen würde, selbst wenn sie das Dreifache bekäme.
Viele Aktivisten halten nicht viel von Aufrufen zur Abstimmung mit dem Einkaufswagen. Sie fürchten, solche Appelle könnte von der Verantwortung der Politik ablenken. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der politische Konsument braucht Gesetze, die ihm den Zugang zu Informationen garantieren und so verantwortungsvolles Einkaufen vereinfachen, wenn nicht erst ermöglichen. Er braucht ein Gesetz, das ihm grundsätzlich Zugang zu den Ergebnissen von Lebensmittelkontrollen garantiert (und nicht nur in eng begrenzten Ausnahmen wie das gerade beschlossene Verbraucherinformationsgesetz), eine Deklarationspflicht für sämtliche Inhalts- und Zusatzstoffe von Lebensmitteln, Textilien, Spielzeug (also nicht etwa nur 100 % Baumwolle, sondern auch Angaben zu den etwa 7000 zum Teil ungetesteten Textilhilfsmitteln), und verbindliche und genaue Angaben zur Herstellung.
Es kostet ziemlich wenig, Verbrauchermacht im Sinne von Weltgerechtigkeit und Umweltkatastrophenverhinderung zu nutzen und zum Schutz der eigenen Gesundheit. Noch gleicht der politische Konsument einem Stier, der sich von einem Lattenzaun bremsen lässt, weil er nicht weiß, wie stark er ist.
Über Dr. Tanja Busse
Dr. Tanja Busse, Jahrgang 1970, studierte Journalistik und Philosophie in Dortmund, Bochum und Pisa. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit über die Massenmedien ("Weltuntergang als Erlebnis"). Beim Hörfunk moderiert sie die Kultursendung "Resonanzen" (WDR 3), für die ZEIT schrieb sie Artikel über Verbraucherschutz und Landwirtschaft. Buchveröffentlichungen: "Melken und gemolken werden" (2001), "Das neue Deutschland" (2003, zusammen mit Tobias Dürr) und „Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht“ (Herbst 2006).
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