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Die dünnen Mädchen

Regisseur Maria Teresa Camoglio

Regisseurin Maria Teresa Camoglio

Interview mit Regisseurin Maria Teresa Camoglio

Was hat Sie bewogen einen Dokumentarfilm über Magersucht zu drehen?
»Magersucht« ist ein Begriff, der mit Mode verbunden schien. Das hat mich wütend gemacht. Ich kannte auch ein paar junge Mädchen, die magersüchtig waren. Die hatten nichts mit Mode zu tun. Diese Krankheit wird immer total unterschätzt und weniger als Krankheit denn als Modetorheit verstanden. Deshalb habe ich mich entschieden, eine Dokumentation darüber zu drehen. Ich wollte die verschiedenen Facetten dieser Krankheit zeigen.

Wie interpretiert die Gesellschaft diese Krankheit heute?
Man nimmt an, dass allein die Medien dafür verantwortlich sind, weil sie ein extremeres Bild der Frau als Früher vermitteln. Die Frau muss heute dünn sein. Natürlich hat Magersucht auch damit zu tun. Aber das erklärt diese Krankheit nicht alleine.

Können Sie die Ursachen der Krankheit genauer beschreiben?
Es wäre schön, wenn man einen einzigen Grund für die Krankheit identifizieren könnte. Aber das ist leider nicht möglich. Es gibt viele Ursachen. Magersüchtige Mädchen haben eine dünne Haut, sie sind besonders intelligent und sie sind gut in die Schule. Sie versuchen alle Erwartungen hundertprozentig zu erfühlen. Irgendwann kommt der Punkt, da wissen sie nicht mehr weiter. Hier entwickelt sich ihre Krankheit. Die Magersucht ist ein Schrei nach Hilfe. Sie können die Erwartungen nicht erfüllen und sie können sich nicht dagegen wehren, sie können nur ganz langsam verschwinden.

Ihr Film heißt »Die dünnen Mädchen«. Warum nennen Sie diese jungen Frauen »Mädchen«?
Die meisten sind zwar über zwanzig, doch sie sehen sich selbst nicht als Frauen. Dass sie nicht erwachsen werden wollen, ist Teil ihrer Krankheit.

Warum haben die Mädchen bei dem Film mitgemacht?
Für sie war es auch eine Abwechselung. Sie fanden es ein bisschen verrückt, dass jemand auf die Idee kommt, diese Krankheit zu erklären. Aber daran war ich ohnehin nicht so sehr interessiert. Vor allem wollte ich die Mädchen erzählen lassen, wie sie die Krankheit erleben. Ich wollte sie zu Wort kommen lassen. Das hat ihnen gefallen.

Was kann das Publikum von Ihrem Film lernen?
Ich möchte, dass die Leute verstehen, wie gefährlich diese Krankheit ist. Wer in die Falle dieser Krankheit gerät kommt nur ganz schwer wieder heraus. Magersucht beginnt wie ein Spiel und wird bald zu einer Sucht. Es ist eine der schlimmsten Suchtkrankheiten unserer Zeit. Etwa 10% sterben infolge der Anorexie. Die Todesrate steigt auf weit über 15% wenn man Selbstmord, Infektionen und weitere Folgen der Mangelernährung als Konsequenzen der chronischen Krankheit hinzurechnet.
Wenn ein Mädchen aufhört zu essen, ist das eine Gefahr, die man nicht unterschätzen darf.

Ist die Magersucht eine Krankheit unserer modernen Gesellschaft?
Schon im 18. Jahrhundert gab es die ersten bekannten Fälle.
Diese Krankheit hat mit Charaktermerkmalen und mit den Erwartungen der Gesellschaft zu tun. Einerseits machen magersüchtige Mädchen lieber sich selbst unglücklich als andere, andererseits steigt in unserer Gesellschaft der Leistungsdruck ständig. Die Anorexie scheint mir ein Zusammenspiel dieser Faktoren zu sein.
Was können Eltern und Erzieher tun, wie können sie die Kinder vor dieser Krankheit schützen?
Reduzieren Sie die Anpassungserwartungen! Man kann es nicht oft und laut genug sagen: Jeder Mensch hat das Recht so akzeptiert zu werden, wie er ist und nicht wie er sein sollte und könnte. Unsere Gesellschaft arbeitet dagegen viel zu viel mit Normen.

Sie haben mit den Mädchen viel Zeit verbracht. Haben sie etwas von den Mädchen gelernt?
Vor allem, dass man sich selbst mehr akzeptieren und lieben sollte, und dass man seine Grenzen anerkennen muss.

Haben die Mädchen den Film gesehen?
Der Film wäre ohne Zustimmung der Mädchen und der Leiterin der Klinik nicht erschienen. Mit Herzklopfen haben wir ihnen den Film gezeigt. Nach der Vorführung waren die Mädchen stolz und glücklich. Sie waren überrascht zu sehen, dass man einen verständlichen Film über die Krankheit machen kann

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