Bürgergesellschaft
Kapitel 1
Ressource Ehrenamt
Wenn sich der Vorsitzende des Unterausschusses für „Bürgerschaftliches Engagement“, Michael Bürsch (SPD), eine Freiwillige backen könnte, dann würde sie wohl der 19-jährigen Julia Scholz aus Berlin ähneln: wache Augen, offenes Lächeln, klare Ansagen. „Viele Menschen versuchen, über Geld ihr soziales Engagement zu zeigen. Ich denke, dass es wichtiger ist zu handeln.“
Die Schülerin betreut einmal pro Woche ein 4-jähriges Mädchen, das aus einer sozial benachteiligten Familie kommt. Die beiden gehen schwimmen, toben oder legen eine Musik-CD ein, nach der sie dann „ordentlich hämmern“. Das Mädchen, das als verhaltensauffällig gilt, ist dadurch ruhiger geworden. Und auch Julia genießt die Treffen. „Das ist ein Stück weit Veranlagung“, sagt sie, „meine Mutter und meine Oma sind auch sehr sozial.“
Tatsächlich spielen Vorbilder eine große Rolle, wenn es darum geht, sich freiwillig zu engagieren. Aber auch ohne eine solche Familientradition ist die Bereitschaft zum Ehrenamt groß. Laut des „2. Freiwilligensurveys“ waren 2004 in der Bevölkerungsgruppe ab 14 Jahren 36 Prozent freiwillig aktiv. Das sind mehr als 23 Millionen Menschen.
Immer mehr davon gehören dem neuen Freiwilligen-Typ an. Anders als der klassische Ehrenamtliche, der sich oft jahrzehntelang an einen Verein bindet, steht bei ihm das Projekt im Vordergrund. Julia Scholz haben zudem das umfangreiche Qualifizierungsangebot und die Aussicht auf ein Zertifikat gereizt. „Das ist nicht mehr die alte Vorstellung, Mutter Theresa oder Albert Schweitzer nachzuahmen“, sagt Michael Bürsch, „sondern die Ehrenamtlichen wollen ihr Eigeninteresse befriedigen.“





