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dieGesellschafter.de – Die Utopie lebt im Internet

Portrait mit Text »In jedem von uns steckt ein Pazifist«

Im März 2006, ging das Gesellschafter-Projekt online. Es bietet der Zivilgesellschaft vielfältige Möglichkeiten der Diskussion, der Vernetzung und des Engagements. Fast eine Million Menschen haben das Projekt bereits im Internet besucht, ihre Diskussionsbeiträge würden ausgedruckt mehr als 10 000 Buchseiten füllen. Die Sammlung bietet keine Gebrauchsanweisung für richtige oder falsche Politik, aber sie erlaubt einen tiefen Blick in das Reservoir utopischen Denkens in unserer Gesellschaft – und zeigt die Bereitschaft, sich für eine bessere Welt auch zu engagieren.


»Ich bin ein Suchender, habe in den USA gelebt und gearbeitet, war in Europa und Moskau tätig, war Marketing-Manager, Journalist und – zuletzt – Philosophie-Student an der Uni Dortmund.« Der sich so vorstellt, ist 70 Jahre alt und wünscht sich, dass Europa zu einer »Einrichtung friedlicher Freiheit« wird, die »gewisse soziale Rahmenbedingungen garantiert und für Einzelbeteiligungen offen« ist, Freiheit baue »auf sozialer und rechtsstaatlicher Sicherheit« auf. Ein Student aus Karlsruhe träumt von einer Gesellschaft, »in der nicht das Geld den Rang bestimmt, sondern einzig allein das intellektuelle Potenzial und das soziale Engagement.« Ein Besucher aus Hamburg erklärt, er habe »zwar einen Job«, der sei aber »Routine«: »Man hat seine Funktionen und eigene Ideen zählen nicht.« Er wünscht sich eine Gesellschaft, »in der es einfacher ist, spontan zu sein und sich selbst zu verwirklichen. Nicht in einer, wo es nur um Geld und Arbeit geht.« Und eine 24-Jährige aus Magdeburg schreibt: »Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen akzeptiert werden, egal woher sie kommen, wie sie aussehen, welches Leben sie leben oder welche Religion sie haben. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der alle satt werden und ein Dach über dem Kopf haben! Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der ich ohne Angst Kinder in die Welt setzen kann, denn genau die sind unsere Zukunft

Die rund 5 000 positiven Beschreibungen einer idealen, friedlichen Gesellschaft bilden das Herzstück des Gesellschafter-Projektes, das die Aktion Mensch im März 2006 gemeinsam mit über 90 Partnern gestartet hat. Denn sie bringen Haltungen, Wünsche, Ziele, Hoffnungen und Sehnsüchte zum Ausdruck, von denen zwar nicht erwartet wird, dass sie sich in ihrer idealen Form realisieren lassen, die aber dennoch gesellschaftliche Wirkung entfalten. In einer Zeit, in der öffentliche Güter und Räume durch umfassende Privatisierungen verloren gehen, in der Medien zunehmend eher wirtschaftliche als publizistische Absichten verfolgen und in der Politiker lieber über Wege als über Ziele reden, bildet die Spiegelung eines gesellschaftlichen utopischen Bewusstseins einen wichtigen Kontrapunkt: »Das Rechte zu finden, um dessentwillen es sich ziemt zu leben, organisiert zu sein, Zeit zu haben, dazu gehen wir, hauen wir die phantastisch konstitutiven Wege, rufen was nicht ist, bauen ins Blaue hinein, bauen uns ins Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche verschwindet – incipit vita nova [das neue Leben beginnt].«, schrieb Ernst Bloch in seiner Einleitung zu »Geist der Utopie« (1918).

Portrait mit Text "In jedem von uns steckt eine Expertin"

Möglich wird die Collage utopischer Ideen im Gesellschafter-Projekt durch das Internet, das das Prinzip der »Broadcasting«-Medien des 20. Jahrhunderts (mit jeweils einem Sender und vielen Empfängern) radikal in Frage stellt und selbst so etwas wie ein utopischer Ort (mit vielen, gleichberechtigten Sendern und Empfängern) ist. Unabhängig von Zeit und Standort kann jeder jederzeit in die global vernetzte Welt des Internets eintreten, seine Beiträge einstellen und mit anderen Sendern in Kontakt treten. Bei den Gesellschaftern entsteht bei diesem Prozess ein Text, der sich aus vielen Einzeltexten zusammensetzt: Fragen, Meinungen, Dialoge – nicht nur zur besten aller denkbaren Welten, sondern auch zu Einzelthemen wie Entwicklungspolitik, Wirtschaftsethik oder Glück. Mehr als 85 000 Beiträge sind es mittlerweile. Ein Moderationsteam achtet darauf, dass die Diskussionsregeln eingehalten werden, die Beleidigungen, Diskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit, aber auch offene oder verdeckte Werbung ausschließen. Insofern handelt es sich um eine offene und doch »geschützte« Kommunikations-Sphäre.
Die Aktion Mensch bietet mit der Gesellschafter-Plattform vor allem eine unabhängige, nichtkommerzielle Öffentlichkeit, die weder ideologisch manipulierbar ist noch demoskopisch, werblich oder politisch funktionalisiert wird. Das Projekt möchte nicht Meinungen vorgeben, sondern die Meinungsbildung fördern und der Zivilgesellschaft ein Instrument gemeinsamer Bewusstseinsbildung bieten. Das Projekt macht die Komplexität gesellschaftlichen Handelns wieder sichtbar, nachdem die Mechanismen der Informationsverwertung in den Medien das Wissen um die Vielschichtigkeit sozialer Beziehungen weitgehend verschüttet haben.

Zur Arbeitsweise des Projektes gehört es, immer wieder Auszüge der online generierten Texte in Offline-Medien zu transferieren, wo sie ihre Wirksamkeit in der »realen« Welt entfalten können: beispielsweise in der projekteigenen Gesellschafter-Zeitung, die alle zwei Monate erscheint, oder in Anzeigen und auf Plakaten, die für das Projekt und seine Anliegen werben. Im April wird eine neue Phase der Kampagne zum Gesellschafter-Projekt starten, die mit Texten aus dem Netz arbeitet. Und die Antworten auf die Frage »In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?« sollen als erster Band einer neuen Buchreihe im Herbst erscheinen.

Für Philosophen wie Horkheimer, Bloch oder Marcuse war das utopische Denken ein Ausdruck kollektiver Mentalität und eine Dimension gesellschaftskritischen Denkens – und damit, anders noch als im 18. und frühen 19. Jahrhundert, weit entfernt von negativer, sinnloser und zum Scheitern verurteilter Träumerei. Allerdings erlangte nach Auffassung Blochs das utopische Bewusstsein seine Kraft und Wirksamkeit nur in »konkreten Utopien«. Darunter verstand er nicht nur die utopischen Wunschbilder der Seele von einem friedlichen Gemeinwesen, sondern auch deren Verankerung in Handlungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Gegenwart.

Auch dem Gesellschafter-Projekt geht es nicht nur um das Denken, Wünschen, Reden, sondern auch um das Handeln. Deswegen bietet es vielfältige Möglichkeiten der Beteiligung an. Neben Literatur- und Kunstwettbewerben findet man auf der Gesellschafter-Website auch eine Freiwilligendatenbank, in der über 2 500 Organisationen aus den Bereichen Soziales, Umwelt und Menschenrechte Mitstreiter suchen. Per Postleitzahlensuche findet man alle Organisationen in der eigenen Umgebung, bei denen Mithilfe erwünscht ist. Wer Startgeld für ein neues Projekt benötigt, kann bis zu 4 000 Euro aus dem Gesellschafter-Förderprogramm beantragen. In den vergangenen Monaten wurden mehr als 2 900 Anträge gestellt, von denen über 1 500 bereits bewilligt werden konnten.

Wer den persönlichen Austausch mit Gleichgesinnten sucht, findet diesen im Kino: Durch 80 Städte tourt das in Medien und Filmbranche vielbeachtete Filmfestival »ueber arbeiten«. Die elf Dokumentarfilme werden von bundesweiten Filmpartnern präsentiert. Für das Rahmenprogramm mit Gesprächen und Diskussionsveranstaltungen sorgen in jeder Stadt unterschiedliche Partner vor Ort: von Attac über die Wohlfahrtsverbände bis hin zum Bundesjugendring. Wenn das Festival im Mai seinen Zielort Bonn erreicht hat, lässt die nächste Staffel nicht lange auf sich warten: Schon im September 2007 startet ein Festival, bei dem es um unterschiedliche Weltentwürfe gehen wird – und um Utopien.

(hz)


Das Gesellschafter-Projekt in Zahlen

Beginn: 8. März 2006

  • Unterstützer-Organisationen: 96
  • Zahl der Besucher von dieGesellschafter.de: 975000
  • Zahl der Seitenaufrufe: 4,1 Millionen
  • Budget: Förderprogramm 12 Millionen €, Begleitkampagne 10 Millionen €
  • Rekordmonat: Februar 2007 (99800 Besucher)
  • Rekordtag: 5. Februar 2007 (13614 Besucher)
  • Registrierte Nutzer: 5641
  • Tagebuch-Autoren: 375, darunter Christoph Butterwegge, Wiglaf Droste, Peter Dussmann, Bettina Flitner, Claus Fussek, Adrienne Goehler, Dietrich Gönemeyer, Regina Halmich, Friedhelm Hengsbach, Corinne Hofmann, Matthias Horx, Ellis Huber, Thomas Krüger, Claus Leggewie, Dietmar Mieth, Bascha Mika, Sonia Mikich, Cem Özdemir, Frank Schätzing, Edit Schlaffer, Götz Werner, Sarah Wiener
  • Zahl der publizierten Beiträge insgesamt: 82039
  • davon Antworten auf die Frage „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“: 4885
  • davon Beiträge in den Themenforen: 48643
  • Zahl der Beiträge, die aufgrund diskriminierender, beleidigender oder fremdenfeindlicher Inhalte depubliziert werden mussten: 8910
  • Meistfrequentierte Foren: 1. Frauen & Männer (12674 Beiträge), 2. Gesellschaft & Gesellschaftskonzepte (8477 Beiträge), 3. Zuwanderung & Zusammenleben (4033)
  • Angebote von Projekten zu ehrenamtlicher Mitarbeit in der Freiwilligen-Datenbank: 2220
  • Zahl der Projekte, für die Fördermittel aus dem Gesellschafter-Förderprogramm beantragt wurden: 2951
  • davon am meisten aus Nordrhein-Westfalen (541), Berlin (339) und Sachsen (294)
  • Wichtigste Themenschwerpunkte der Projekte: 1. Kinder, Jugend & Familie (820 Projekte), 2. Chancengleichheit, Partizipation (551), 3. Interkulturelle Vielfalt, Migration, Zuwanderung (404)
  • Wettbewerbsbeiträge insgesamt: 2170
  • davon Art-Award 250, „Echt arm?“ 550, „Ungewöhnliche Freundschaftsgeschichten“ 720, „Utopia“ 650
  • Zahl der Dokumentarfilme im Filmfestival „ueber arbeiten“: 11
  • Zahl der bundesweiten Filmpaten: 13
  • Zahl der Städte, in denen das Festival gastiert: 80
  • Gesamtzahl der Besucher (bisher 49 Städte): 27400
  • davon am meisten in Frankfurt (1600), Augsburg (1300) und Berlin (1180)
  • Zahl der bisherigen Veranstaltungen/Diskussionen im Rahmenprogramm des Filmfestivals bundesweit: 561
  • Zahl der Organisationen, welche die Filme vor Ort mit organisierten/präsentierten: 412, davon am meisten in Augsburg (27)
  • Auflage der Gesellschafter-Zeitung (alle zwei Monate): 200000
  • Zahl der bisher bundesweit geklebten Plakate: 58700
  • Zahl der bisher bundesweit geschalteten Anzeigen: 140 in 37 Titeln
  • Zahl der Anzeigen- und Plakatmotive: 40

Stand März 2007

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