Tagebuch
Im Gesellschafter-Tagebuch verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden.
Organspende: Ersatzteillager Mensch?
Organtransplantationen sind umstritten, ethische Einstellungen kollidieren mit dem herkömmlichen Hirntod-Konzept. In Werbekampagnen wird die Organspende als Akt der Nächstenliebe kommuniziert. Das macht Druck und nicht selten ein schlechtes Gewissen. Unsere Tagebuch-Autorinnen und Autoren meinen: Der Wert eines Lebens hängt nicht von seiner Länge ab, und auch das eigene Sterben ist schützenswert.
Der tote Mensch – nur eine leere Hülle?
Jährlich werden in Deutschland etwa tausend Menschen Organe entnommen, fast viertausend bekommen Organe implantiert. Zwar wollen die meisten von uns bei Bedarf ein Organ von einem Verstorbenen erhalten, aber nur die wenigsten haben einen Spenderausweis. Die Bioethikerin Nikola Biller-Andorno erklärt, warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken: »Wir wollen nicht verpflichtet werden, uns zu Lebzeiten für oder gegen die Spende unserer Organe nach dem Tode aussprechen zu müssen. Zu groß erscheint uns die Zumutung, sich mit der Thematik zu befassen.« Transplantationen erschüttern das menschliche Selbstverständnis, meint auch Vera Kalitzkus. Sie verändern die Wahrnehmung des eigenen Körpers und des Todes. »Mit dem Transplantationsgesetz im Jahr 1997 hat eine Verschiebung der Grenze zwischen den Lebenden und den Toten stattgefunden«, schreibt die Medizinethnologin. Damals hatte sich die Definition des Hirntodes als Tod eines Menschen durchgesetzt. »Zum ersten Mal gilt nun bei uns ein Mensch bei ›lebendigem Leib‹ als verstorben.«
Der Hirntod beruht auf einem biomedizinischen Menschenbild. Es besagt, mit dem vollständigen Versagen des Gehirns sei dem Menschen jede Möglichkeit zu einer »personalen Identität« genommen. Einem Hirntoten fehle die Fähigkeit, zur Selbsterhaltung in einen dynamischen Austausch mit der Außenwelt zu treten – wie das beim Atemimpuls zur Sauerstoffaufnahme der Fall ist. Vera Kalitzkus lässt Zweifel an dieser Sichtweise zu: »Warum wird nur die Interaktion mit dem Außen zur Selbsterhaltung als Zeichen des Lebens gesehen – und nicht auch die ›innere Arbeit‹, die der Körper eines Hirntoten zur Selbsterhaltung leistet?«
Die Festlegung des Hirntodes als Todeszeitpunkt des Menschen ist von gravierender Bedeutung – nur toten Patienten dürfen lebenswichtige Organe zu Transplantationszwecken entnommen werden. In Deutschland gilt die sogenannte Zustimmungslösung: Wer nach seinem Tod seine Organe spenden will, braucht einen Spenderausweis. 17 Prozent aller Deutschen haben einen solchen Ausweis – die Zahl der Organspenden aber stagniert, weiß die Journalistin Erika Feyerabend. 2007 versuchte der Nationale Ethikrat, über eine »Erklärungsregelung« auch in Deutschland die Widerspruchsregelung einzuführen. Mit dieser wird jeder Mensch zum potenziellen Spender, wenn er zu Lebzeiten nicht explizit widersprochen hat. »Wer schweigt, stimmt zu, und nur wenn die Angehörigen nicht widersprechen, unterbleibt die Organentnahme.« Für die Journalistin Erika Feyerabend verfolgt diese Regelung nur ein Ziel: die Transplantationsrate zu steigern. Ein solches Ziel aber impliziere, dass sich Menschen, die kein Organ spenden wollen, falsch verhalten. »Das Sterben schwerstkranker Menschen wird dann nicht mehr dem Schicksal oder den Grenzen der Medizin zugeordnet, sondern als gesellschaftlich verschuldet angesehen. Mit diesem ›Tod‹ lässt sich schlecht leben.«
Rohstofflieferant Mensch
Die Wissenschaftsjournalistin Martina Keller macht im Tagebuch auf die weniger bekannte Gewebespende aufmerksam. »Die menschliche Leiche ist längst zu einem wertvollen Rohstofflieferanten für die Medizin geworden.« Obwohl die Gewebetransplantation ein Medizinsektor mit starken Zuwachsraten ist, blüht sie im Verborgenen. »Aufklärungskampagnen, Informationsbroschüren? Fehlanzeige«, kritisiert Keller. Besitzer von Organspendeausweisen ahnen oft nicht, dass sie auch Gewebespender sind. Das ist der Fall, wenn sie auf der Rückseite ihrer Erklärung die Entnahme von Organen und Geweben pauschal erlaubt haben. »Selbst Kleinteile lassen sich verwerten: Augenhornhäute, Gehörknöchelchen, Herzklappen, Gefäße, Haut, Sehnen und Knochen.« Nur selten sind Gewebetransplantate lebensrettend, häufig dienen sie der Lifestyle-Medizin, merkt Keller an. Fertige Gewebetransplantate gelten hierzulande als Arzneimittel. Ein Teil davon darf gehandelt werden wie Pillen der Pharmaindustrie. »Dafür die Totenruhe stören? Die Gesellschaft muss entscheiden, welche Verwertung von Leichen sie will.«
»Organspende ist keine Christenpflicht«
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt an, jedes Jahr 1,5 Millionen Organspendeausweise und rund 800.000 Broschüren zu verbreiten. Eingespannt in die Kampagnen werden diverse Prominente und Politiker – auch Kanzlerin Merkel. »Solche Kampagnen sowie unzählige Medienbeiträge legen den Schluss nahe: Es ist fast schon eine Bürgerpflicht, sich für eine Organspende zu entscheiden und einen entsprechenden Ausweis auszufüllen!« Wie andere Tagebuch-Autorinnen und -Autoren beklagt auch Annegret Braun die Zudringlichkeit, mit der kategorisch um Organspenden geworben wird. »Die Befürworter der Organspende arbeiten mit moralischen Schuldzuweisungen, wenn sie immer wieder aufs Neue beschwören, es würden jeden Tag drei Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein fremdes Organ bekommen haben.« Solche Behauptungen emotionalisieren, meint die Diakonin. »Und sie sind unseriös, weil es die Todesursache ›fehlendes Organ‹ gar nicht gibt: Tatsächlich sterben Menschen, weil sie so schwer erkrankt sind, dass ihre eigenen Organe versagen.«
»Es geht mir nicht um eine pauschale Ablehnung von Organspenden«, macht die ehemalige Klinikseelsorgerin deutlich. Kritisch sieht sie die unzureichende Aufklärung und der moralische Druck. Organverpflanzungen schaffen hochdramatische und sehr belastende Konfliktsituationen, bestätigt Oliver Tolmein. »Der Lebendspender, die sterbende Frau, deren Angehörige schon über ihre Zustimmung zur Entnahme befragt werden, der Schwerstkranke, der dringend eine Niere, Leber oder der ein Herz benötigt. Sie alle sind menschliche Individuen mit schützwürdigen Grundrechten und Interessen.« Die Frage nach der Freiwilligkeit einer Organspende muss deutlicher geklärt werden. »Freiwilligkeit ist gerade auf diesem ethisch brüchigen Terrain ein hoher Grundsatz.« Der Autor und Rechtsanwalt Tolmein plädiert deshalb für eine Gesellschaft, die sich den Wert einer autonomen, freiwilligen, nicht durch Erwartungen und Kampagnen geprägten Entscheidung klarmacht. »Auch der sterbende Mensch darf nicht, um eine knappe Ressource zu vermehren, zum Zweck gemacht werden. Sondern muss die Gewissheit haben, dass er auch seinen Tod nicht nützlich machen muss.«
Schlagwörter: Gewebespende, Grundrechte, klinischer Tod, Mensch, Organspende, Organspendeausweis, sterben, Tagebuch, Tod, Transplantationsgesetz
6 Kommentare im Themenforum »Ethik in Wissenschaft und Wirtschaft«
Atomenergie – »Nicht beherrschbare Risikotechnologie«
Renaissance der Atomenergie: Die Bundesregierung will die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern. Ob um acht, 15 oder 28 Jahre, ob zugeteilt oder versteigert wird, soll ein Energiekonzept in den kommenden Wochen zeigen. Die Diskussion um die Kernenergie ist damit um eine Facette reicher – bleibt aber die alte, finden unsere Tagebuchbuch-Autorinnen und -Autoren. Die Frage der Atomkraft ist längst keine Frage der Ideologie mehr, sondern eine der Vernunft.
Laufzeitverlängerung
Juni 2001: Die rot-grüne Koalition beschließt gemeinsam mit den vier großen Energieherstellern den Ausstieg aus der Atomenergie. Nach diesem Ausstiegsgesetz sollen die letzten Atommeiler ungefähr im Jahr 2022 vom Netz gehen. Oktober 2009: Union und FDP besiegeln den Ausstieg vom Ausstieg und damit eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke. Offen bleibt die Frage, wie lange die Meiler genau laufen dürfen. »Die Vorstandvorsitzenden der Konzerne, die nun Arm in Arm mit der gewählten Koalition für die Laufzeitverlängerung ihrer alternden Atomkraftwerke streiten, haben mit der damaligen Bundesregierung den Atomausstieg ausgehandelt und unterzeichnet.« Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe erinnert 2009 daran, was genau in diesem Atomkonsens stand: »Beide Seiten werden ihren Teil dazu beitragen, dass der Inhalt dieser Vereinbarung dauerhaft umgesetzt wird.« Nun aber habe Kernkraft plötzlich wieder Zukunft und werde als unerlässliche Brückentechnologie ausgegeben. Laut einem aktuellen Gutachten des Solar-Instituts Jülich und der Fachhochschule Aachen benötigt Deutschland für eine jederzeit und an jedem Ort verlässliche Stromversorgung aber weder Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken noch zusätzliche Kohlekraftwerke. Für Rosenkranz steht damit fest: Die »Brückenfunktion« muss nach geltendem Recht Anfang der 20er Jahre enden. »Alles, was danach noch kommen soll, sind Geschenke willfähriger Politiker an die marktbeherrschenden Konzerne.«
Nur mit Atomstrom sei der politisch geforderte Klimaschutz zu erreichen, behaupten die Konzerne. »Mit Atomkraftwerken lässt sich der Klimawandel nicht verhindern«, halten Kritiker wie Tagebuchautor Sven Hessmann dagegen. Mehr noch: »Sie bedrohen auch den weiteren Aufbau eines zukunftsfesten und Klima schonenden Stromsystems auf Basis von Wind, Sonne und Co.« Mehr Atomstrom bedeute automatisch weniger Ökostrom, weniger Wettbewerb und weniger Innovation. Reinhold Thiel, Vorstand der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), ist sicher: »Beim Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke geht es der Atomindustrie allein darum, auf Kosten der Stromkunden zusätzliche Milliardengewinne zu realisieren.« Eine Studie der Landesbank Baden-Württemberg belegt: Wenn die Atomkraftwerke 25 Jahre länger laufen und die Strompreise weiter ansteigen, erzielen Eon, RWE und EnBW Zusatzerlöse von über 200 Milliarden Euro.
Wem also nutzt die Laufzeitverlängerung? Dem Verbraucher, sagen die Energiehersteller. Eine Stilllegung von Atomkraftwerken führe zur weiteren Erhöhung der Strompreise. Reinhold Thiel hält auch dieses Argument für unhaltbar. »In den vergangenen Jahren sind die Strompreise von den Betreibern der Atomkraftwerke willkürlich und ständig erhöht worden. Das war mit den realen Kosten in den abgeschriebenen Atomkraftwerken nicht zu rechtfertigen.« Für Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ist billiger Atomstrom eine »Mär«. »Es geht den Akteuren nicht um gesellschaftliche Verantwortung, sondern um Profite. Wer Atommeiler wie in Brunsbüttel, Krümmel und Biblis monatelang repariert und dabei unverhohlen auf eine erhoffte Kursänderung in der Atompolitik schielt, macht sich in der Debatte um die Energieträger der Zukunft unglaubwürdig.«
Gorleben – »politisch und geologisch verbrannt«
»Im Jahr 1960 ging das Versuchsatomkraftwerk Kahl mit 16 MW als erstes deutsches Atomkraftwerk zur Stromerzeugung in Betrieb. Damit begann die Erzeugung von hochradioaktivem Atommüll im industriellen Maßstab« Doch wohin mit dem strahlenden Müll? Heinz Smital von Greenpeace verzeichnet bei der Jahrzehnte währenden Standortsuche »viele Skandale und keine Lösung«. Das gelte auch und vor allem für Gorleben.
Gegen das dort geplante Atom-Endlager wehrt sich seit Generationen die bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg, in der sich Tagebuchautor Hans-Werner Zachow engagiert. Er meint: Gorleben war eine politische Entscheidung. Einwände und Bedenken von Experten blieben dabei unberücksichtigt. Auch Wassereinlagerungen wurden verschwiegen, die zum Ausschluss des Standortes hätten führen müssen. »Unter Druck der damaligen Regierung Kohl wurde 1983 das Gutachten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) umgeschrieben. Darin wurde Gorleben als nukleares Endlager für hochradioaktive Abfälle als ungeeignet bewertet«, berichtet Zachow.
Die Frage nach einer politischen Einflussnahme auf dieses Gutachten beschäftigt inzwischen auch einen Untersuchungsausschuss des Bundestages. Bundesumweltminister Röttgen indes will weiter an der Erkundung von Gorleben festhalten. Gorleben müsse Vorrang haben, 1,5 Milliarden Euro seien bereits geflossen. Wessen Geld? Geld, das der Bund zwar vorschießt, sich aber von den Betreibern der Atomkraftenergie wieder zurückholt, erklärt Wolfgang Ehmke. »In Gorleben wurde nicht nach Atom-, sondern nach Bergrecht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gebaut«, führt der Vorstand der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg dazu aus. Dabei refinanziere sich die Atomwirtschaft selbst, denn die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE), die das Bergwerk betreibt, gehört zu 100 Prozent der Atomwirtschaft. »Das ist ein bisher unbeachteter Skandal. Kosten hingegen werden auf die Steuerzahler abgeladen. Die havarierten Atommülldeponien Asse II und das Endlager Morsleben schlagen bei den Müllverursachern mit keinem Cent zu Buche.«
Tschernobyl: »Kein Einzelfall«
Die Regierung ist weiter auf Atomkurs, trotz Widerstands auch in der Bevölkerung. Alle beteuern: Die deutschen Kernkraftwerke sind sicher. »Landesaufsichtsbehörden wie auch die Bundesatomaufsicht haben aber wiederholt festgestellt, dass kein deutsches Atomkraftwerk dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik entspricht. Konsequenz: Sie müssten nach geltendem Recht stillgelegt werden.« Reinhold Thiel erinnert an den Störfall Krümmel. Nach mehreren schweren Pannen steht der Meiler heute still. Weiter in Betrieb sind derzeit 17 Kernkraftwerke – Kritiker sprechen von einer Technologie, die niemals zu beherrschen sei.
Atommüll birgt die Gefahr für eine Million Jahre. »Solche Gefährdungszeiträume sprengen unser Vorstellungsvermögen«, räumt Axel Mayer vom BUND Freiburg ein. Jedes Kernkraftwerk produziere jährlich die Radioaktivität von rund 1000 Hiroshimabomben. »Schon im sogenannten Normalbetrieb geben Atomkraftwerke krebserzeugende Radioaktivität an die Umwelt ab«, so Mayer weiter. »Tödlich sind die Folgen des Uranabbaus, der Urananreicherung und die Herstellung der Brennelemente.« Ein jederzeit möglicher Unfall wie in Tschernobyl oder ein Terroranschlag gefährde das Leben und die Gesundheit von hunderttausenden Menschen. »Seit Tschernobyl blockieren die vier großen Energiekonzerne die Energiewende: So ist Deutschland heute zu 71 Prozent abhängig von Öl-, Gas-, Kohle- und Uranimporten«, resümiert Angelika Claußen von den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). »Zukunftsfähig sind allein die Erneuerbaren Energien.«
Gerd Rosenkranz formuliert das so: »Heute muss niemand mehr Atomkraftgegner sein. Es reicht, wenn er ein Freund der Erneuerbaren Energien ist.«
Schlagwörter: AKWs, Atomkraft, Brückentechnologie, Energiehersteller, Erneuerbare Energien, Kernenergie, Krümmel, Laufzeiten, Risikotechnologie, Tagebuch
»Menschenrechte gelten für jeden, ohne Ausnahme«
Europa sieht sich in Menschenrechtsfragen gern in einer Vorbildrolle. Diese Selbsteinschätzung hält einer Überprüfung jedoch nicht stand, finden unsere Tagebuch-Autorinnen und -Autoren. Ob bei der Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo oder im Umgang mit ethnischen Minderheiten – auch Deutschland tut sich schwer mit Menschenrechten.
Guantánamo – menschenrechtsfreier Raum?
»Die Menschenrechte sind kein Gnadenerweis einer Regierung. Man muss sie sich nicht durch ein bestimmtes Verhalten verdienen – man besitzt Menschenrechte, weil man ein Mensch ist, das reicht.« 2006 greift Harald Martenstein im Tagebuch die Diskussion um Guantánamo auf. Das US-Militär-Gefangenenlager ist für den Kolumnisten Synonym für Folter und Rechtlosigkeit. »Dort werden hunderte von Menschen in Käfigen gehalten wie Tiere, jahrelang, ohne Urteil, im Namen eines demokratischen Staates, der USA.« Wie kann man Guantánamo rechtfertigen?, fragt Martenstein. Als Teil des »Kriegs gegen den Terror«? Aus einer übergeordneten staatlichen Sicherheit heraus? Weil für »mutmaßliche Al-Quaida-Mitglieder« andere Rechte gelten sollen als für »normale Kriminelle«? Schon der Versuch einer Legitimation muss scheitern. Menschenrechte kann man nicht je nach Bedarf gewähren oder entziehen, lautet Martensteins kategorische Antwort. »Menschenrechte gelten für jeden, ohne Ausnahme.«
»Ein jeder Mensch soll die gleichen Rechte haben, ob er nun als krummer Finger oder Aufrechter daherkommt, ob er arm oder reich ist, mächtig oder ein Verlierer? Nicht immer leicht auszuhalten. Aber unverzichtbar für unsere Zivilisation.« Dawid Danilo Bartelt von Amnesty International erinnert an die Geschichte der Menschenrechte als vergleichsweise junge Idee. Vielen Regierungen seien die Menschenrechte ein Dorn im Auge, weil sie den eigenen Interessen entgegenstünden. Noch immer werde in über 100 Staaten gefoltert. Auch in Guantánamo. Das spalte das US-amerikanische Verhältnis zu seinen eigenen freiheitlichen Werten, meint Herta Däubler-Gmelin: »Man kann nicht für Menschenrechte eintreten, solange Abu Ghraib, Guantánamo und Folter, also wie beispielsweise das Scheinertränken, zur US- Regierungspolitik gehören.« Es muss wieder unbestritten gelten, dass Menschen nirgendwo Jahre lang ohne ordentliches Gerichtsverfahren eingesperrt werden dürfen, so die Vorsitzende im Menschrechtsauschuss des Deutschen Bundestages. Auch Dawid Danilo Bartelt akzeptiert in Menschenrechtsfragen keine Kompromisse. »Wo immer Menschenrechtsverletzungen auftreten, müssten sie aktiv verhindert werden. Auch die deutsche Regierung ist dazu verpflichtet. Auch, wenn die USA im Spiel ist.«
Die Bundesregierung hat die USA wegen des Gefangenenlagers auf Kuba häufig kritisiert. Obama kündigte als einen ersten Amtsakt dessen Auflösung an. Nun nimmt Deutschland zwei Häftlinge auf – und eine alte Streitfrage entbrennt neu: Soll Deutschland überhaupt Guantánamo-Häftlinge aufnehmen? Ja, meinen Menschenrechtsorganisationen. Angela Merkel habe die Anti-Terror-Politik der Regierung von George W. Bush unterstützt. Nun müsse sie bei der Schließung des Lagers mit der Aufnahme von Gefangenen helfen. Herta Däubler-Gmelin sieht bei dieser Frage allerdings zunächst die Amerikaner in der Pflicht. »Die USA stehen als Aufnahmeland schon deshalb an erster Stelle, weil das zur Wiedergutmachung ihres rechtswidrigen Handelns gehören muss. Nur wenn es ehemalige Häftlinge gibt, die weder in ihre Heimat, noch in die USA gehen können oder wollen, sind andere Staaten gefragt.«
»Lernt uns als Roma und Sinti kennen«
»Wenn von Verletzungen der Menschenrechte die Rede ist, kommen uns regelmäßig die so genannten Schurkenstaaten in Afrika, Lateinamerika oder Asien in den Sinn.« Der Journalist Gerd Ruge führt uns mit seinem Eintrag in ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union, nach Italien. Dort plant Silvio Berlusconi 2008 eine in Europa einmalige Staatskontrolle gegen eine ganze Volksgruppe: Alle Roma und Sinti sollen bei den Behörden ihre Fingerabdrücke abgeben. »Berlusconi stellt damit eine Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht von Kriminalität und verhindert – nur scheinbar ganz nebenbei – die längst überfällige Integration dieser Menschen und anderer Migranten in die italienische Gesellschaft.« Die Bedrohung der Menschenrechte sei keine ferne, exotische Erscheinung, weiß Ruge, der Menschenrechtler, »sondern auch in Mitteleuropa eine gegenwärtige Gefahr.«
Das Europäische Roma-Forum in Straßburg bezeichnete unlängst Deutschland als die »romafeindlichste Regierung in Europa«. Hintergrund ist die Abschiebung von 10.000 Roma aus Deutschland in den Kosovo. »Damit setzt sich Deutschland über seine historische Verantwortung hinweg und über die Empfehlungen des UNHCR und des Europarats«, empört sich Marko Knudsen, Direktor vom Europäischen Zentrum für Antiziganismusforschung. In Deutschland leben 250.000 Roma und Sinti, 30.000 Roma stammen aus dem Kosovo. Es sei komplett inakzeptabel, Roma ins Kosovo zurückzuschicken, meint Knudsen. Die Roma sind als einzige Minderheit im Kosovo in keiner Region des Landes sicher.
Erst 2009 hatte die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navanethem Pillay vor einem Erstarken des Antiziganismus gewarnt – eine Entwicklung, die auch Marko Knudsen mit Sorge beobachtet. »Nach 30 Jahren Bürgerrechtsarbeit fängt die deutsche Medienlandschaft wieder an, uns ›Zigeuner‹ zu nennen«. Die diskriminierende Bezeichnung ›Zigeuner‹ sei noch heute präsent, der ganz alltägliche Rassismus an jeder Ecke sichtbar. »Gehen Sie mal in einen Imbiss, Sie werden überall ein ›Zigeunerschnitzel‹ bekommen, gehen Sie in den Supermarkt und Sie werden viele Produkte finden, die diese diskriminierende Begrifflichkeit auf dem Etikett tragen. Solange dieser Begriff in der Gesellschaft virulent ist, reproduziert er das vorurteilsvolle Bild des ›Zigeuners‹. Nennt uns nicht ›Zigeuner‹, lernt uns als Roma und Sinti kennen, als Bürger unseres gemeinsamen Landes.«
Ein Kindersklave für 20 Euro
Sie schuften in Fabriken, Gerbereien oder in Steinbrüchen. Weltweit werden Millionen Kinder als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Kinderarbeit steckt beispielsweise in Kakao und Kaffee, in Orangensaft, in Textilien, in Fußbällen, Spielzeug – und, besonders blutig – in Steinen. Auch in Grabsteinen oder Pflastersteinen, wie auf dem Kölner Heumarkt zum Beispiel. »Den Steinen sieht man nicht an, wer sie geschlagen hat«, schreibt Tagbuchautorin Rebecca Gudisch. Sie weiß: »Indische Steine sind ein Exportschlager für Deutschland.« Mit versteckter Kamera ist die Reporterin der Spur ausbeuterischer Kinderarbeit in Indien gefolgt. »Viele Familien sind dort bettelarm. Die Menschenhändler versprechen eine Ausbildung für die Kinder und Geld. Für rund 20 Euro landen die Kinder dann in dunklen Hinterhöfen der großen Metropolen, wo sie als Arbeitssklaven 14 Stunden am Tag schuften müssen. Von dem versprochenen Geld sehen weder sie noch ihre Familien auch nur eine Rupie.« Die grenzenlose Ausbeutung führt über Zwischenhändler auch auf den deutschen Markt. »Mit unseren Recherchen konfrontiert, versuchte sich der deutsche Chef eines Versandkatalogs herauszureden«, berichtet Gudisch weiter. »Er meinte, man lasse sich schließlich von den indischen Handelspartnern garantieren, dass die Waren kinderarbeitsfrei seien. Wenn der sich nicht daran halte, sei das schließlich nicht sein Problem.«
Barbara Küppers sieht das anders. »Die Überwindung der menschenverachtenden Kinderarbeit geht uns alle an«, stellt die terre des hommes-Expertin für Kinderarbeit klar. Dauerhaft beendet werden kann dieser millionenfache Verstoß gegen die Menschenrechte aber nur, wenn vor Ort Eltern, Behörden, Schulen und die politisch Verantwortlichen gemeinsam dafür sorgen, dass alle Kinder zur Schule gehen können – weltweit. »200 Millionen Kinder würden nicht mehr den ganzen Tag schuften müssen, sondern etwas lernen können. Die Welt sähe sofort besser aus.«
Schlagwörter: ausbeuterische Kinderarbeit, Folter, Guantánamo, Menschenrechte, Roma, Sinti, Tagebuch






