Tagebuch-Eintrag
Lieber Horst Köhler: Mut und Zuversicht wozu?
Bundespräsident Horst Köhler hat trotz der weltweiten Finanzkrise zu Optimismus aufgerufen. In seiner Weihnachtsansprache forderte er mehr Anstand, Bescheidenheit und Maß: »Wir werden uns anstrengen müssen. Aber ich habe Zuversicht, dass wir die Herausforderungen meistern werden«, zitiert DIE ZEIT den Bundespräsidenten. Deutschland sei gewappnet durch die vielen tüchtigen Menschen, die die Gemeinschaft trügen: »Gut ausgebildete, motivierte Arbeitnehmer, ideenreiche, mutige Unternehmer und Millionen von engagierten Bürgerinnen und Bürger, die gestalten und anpacken und füreinander einstehen«. Dies könne Mut machen, sagt Köhler. Anlass für den Publizisten Franz Alt zu fragen, ob dieser Aufruf zu »Mut und Zuversicht« für 2009 berechtigt und begründet ist.
(Foto: Axel Thomae)
Schlagwörter: Tagebuch
Das Jahr 2008 war ökonomisch, sozial und ökologisch für Milliarden Menschen eine Katastrophe. Jeden Tag verhungern über 30.000 Menschen und fast eine Milliarde Menschen müssen hungern, viel mehr noch als in früheren Jahren. In den USA verlieren jeden Tag über zehntausend Menschen ihr Haus, weil sie ihre Kredite nicht bezahlen können. Auch in Deutschland wurden die Armen ärmer und die Reichen reicher. Die Zahl der Arbeitslosen wird 2009 steigen. 1990 verdiente ein Manager das 20fache eines Facharbeiters, heute das 400fache. Und in dieser Situation sollen wir »Mut und Zuversicht« aufbringen?
Auch in der Umwelt wird die Situation immer dramatischer. Alle reden über das Klima, aber dem Klima geht es immer schlechter. Täglich rotten wir Menschen bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten aus, die Wüsten werden jeden Tag um 30.000 Hektar größer und täglich emittieren wir mehr als 100 Millionen Tonnen Treibhausgase. Und die Weltbevölkerung wächst pro Tag um eine Viertel Million Menschen. Grund für »Mut und Zuversicht«?
Hoffnung muss begründet sein, sonst ist sie Betrug. Nur wenn wir die notwendigen Konsequenzen aus dem desaströsen Jahr 2008 ziehen, wird es 2009 besser. Dazu sechs Vorschläge:
1. Der Staat muss mehr als bisher soziale und ökologische Ordnungsfunktionen wahrnehmen, sonst kollabiert die soziale Marktwirtschaft.
2. Die Politik muss den Brutal-Kapitalismus durch eine Tobin-Steuer zähmen. Der US-Ökonom Tobin hat schon vor 15 Jahren eine Steuer auf Devisengeschäfte, Derivate und Wertpapiere vorgeschlagen.
3. Die Milliarden-Spritzen für die Konjunktur müssen nachhaltig wirken. Sinnvoll sind steuerliche Vorteile für kleine und sparsame Autos, für Elektroautos und Mittel für den Öffentlichen Verkehr. Ein Nachfolge-Protokoll für Kyoto ist überfällig.
4. Es lohnt, Geld in Kindergärten, Schulen und Universitäten zu investieren.
5. Steueroasen wie Liechtenstein, Luxemburg, die Schweiz oder auf Karibikinseln müssen ohne Wenn und Aber verschwinden.
6. Finanzpapiere müssen künftig geprüft und zugelassen werden wie Medikamente, damit es nicht zu viele Nebenwirkungen gibt.
Dann, lieber Horst Köhler, aber auch nur dann, gibt es begründete Hoffnung für »Mut und Zuversicht« und eine gerechtere Welt im neuen Jahr.
Über Dr. phil. Franz Alt
Franz Alt, geboren 1938, war von 1972 bis 1992 Leiter und Moderator des politischen Magazins REPORT. Von 1992 bis 2003 leitete er die Zukunftsredaktion ZEITSPRUNG im Südwestrundfunk, seit 1997 das Magazin QUERDENKER und ab 2000 das Magazin Grenzenlos in 3SAT. Er hält heute weltweit Vorträge und schreibt Gastkommentare sowie Hintergrundberichte für über 40 Zeitungen und Magazine. Für sein Engagement erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Seine Bücher sind in zwölf Sprachen übersetzt und erreichen eine Auflage von über zwei Millionen Exemplaren.
Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Gesellschaft und Gesellschaftskonzepte"
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Re: Lieber Horst Köhler: Mut und Zuversicht wozu?
C. K. (Gast)
30.12.08, 21:49 Uhr
Re: Lieber Horst Köhler: Mut und Zuversicht wozu?
Giga Byte (Gast)
30.12.08, 21:13 Uhr
Re: Lieber Horst Köhler: Mut und Zuversicht wozu?
Peter Pichl (registriertes Mitglied)
30.12.08, 20:34 Uhr
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Moderationsteam (A.M.)
30.12.08, 07:10 Uhr
Re: Lieber Horst Köhler: Mut und Zuversicht wozu?
Helmut Krüger (registriertes Mitglied)
30.12.08, 03:16 Uhr




