Tagebuch-Eintrag
Die vergessenen Opfer des Bakterien-Krieges
In wenigen Wochen, am 2. April, kommt der Film über John Rabe in die deutschen Kinos. John Rabe, damals Statthalter von Siemens in Nanking, gilt als der »Schindler von China«, weil er 1937, nach dem Überfall Japans auf China, tausenden Menschen in Nanjing das Leben rettete. Rabe, »der deutsche Nazi, Mitglied der NSDAP (Nummer 3 401 106), amtierender Ortsgruppenführer und glühender Hitler-Verehrer«, wie SPIEGEL ONLINE ergänzt, war maßgeblich an der Schaffung einer internationalen Schutzzone in Nanjing beteiligt, in der zeitweise bis zu 250.000 Menschen vor den japanischen Truppen Schutz fanden. Doch das Massaker in der ehemaligen Kaiserstadt, das als »Rape of Nanjing« in die Geschichte einging, war nicht die einzige Gräueltat der damaligen Besatzungstruppen, weiß Biowaffen-Experte Jan van Aken. Mit Blick auf mögliche Biowaffen-Einsätze jetzt und in der Zukunft erinnert der Biologe im Tagebuch an die vergessenen Opfer des Bakterien-Krieges.
Schlagwörter: Bakterien-Angriffe, Biowaffen, Gentechnologie, Holocaust, Massaker von Nanking, Tagebuch
Bislang im Westen kaum bekannt sind die Todeslabors der japanischen Armee in der Mandschurei, in der systematisch biologische Waffen entwickelt wurden. In grausamen Menschenversuchen quälten japanische Militärärzte Tausende von Kriegsgefangenen zu Tode, später setzten sie die Bakterienwaffen massenhaft in China ein. Einige Überlebende werden seit 66 Jahren von eitrigen Wunden an den Beinen gepeinigt.
1942 zerstörten die Japaner ganze Landstriche in der chinesischen Provinz Zhejiang. Dabei setzten sie auch die Erreger von Typhus, Paratyphus, Milzbrand und Rotz als Waffe ein. Die Bewohner flüchteten in die nahe gelegenen Berge. Als sie sich wieder in die Heimatdörfer traten, erwartete sie dort der sichere Tod, unsichtbar, im Dorfbrunnen, in den Hütten, auf den Feldern. Viele Dorfbewohner wurden nach ihrer Rückkehr von hohem Fieber geschüttelt, ganze Familien komplett ausgerottet.
Andere bekamen rote Pusteln an den Beinen, die immer größer wurden und eitrige Wunden hinterließen, die nie wieder verheilen sollten. Die Gegend rund um die Kleinstadt Jinhua ist heute in ganz China bekannt als die Region der verfaulten Beine. Noch gibt es hunderte Überlebende, die tagtäglich quälende Schmerzen ertragen müssen – bis heute ist in der RegionJinhua ein unbändiger Hass auf Japan zu spüren.
Vor zehn Jahren begannen die Biowaffen-Opfer in China, sich in einer Bewegung von unten zu organisieren. In jahrelanger Kleinarbeit – unterstützt von japanischen Friedensaktivisten – trugen sie Beweismaterial zusammen und strengten eine Klage gegen die japanische Regierung an. Einen ersten Teilerfolg konnten sie 2002 erzielen, als ein Bezirksgericht in Tokio erstmals anerkannte, dass es die Biowaffen-Angriffe in China tatsächlich gab. Trotz der erdrückenden Beweislast wurden die Forderungen nach Entschädigung und Entschuldigung jedoch abgelehnt. Das offizielle Japan verschließt noch immer die Augen vor diesem dunklen Kapitel der eigenen Geschichte und weigert sich nach wie vor, den Biowaffeneinsatz zuzugeben.
Bis heute gelten die japanischen Bakterien-Angriffe auf China als der größte militärische Biowaffeneinsatz in der Geschichte der Menschheit. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich ein ungehemmtes biologisches Wettrüsten zwischen Ost und West. 1975 einigten sich die Supermächte dann aber auf ein weltweites Verbot aller biologischen Waffen – allerdings ein Verbot ohne jede Kontrollen.
Experten gehen davon aus, dass heute nur sehr wenige Länder wirklich in der Lage sind, Biowaffen effektiv einzusetzen. Gleiches gilt für den Bioterrorismus. Wie ein Virus griff nach dem 11. September 2001 die Panik vor Milzbrand, Pest und Pocken weltweit um sich. Einen wirklichen Grund zur Sorge gab es nie. Biologische Waffen in großen Mengen zu produzieren und auszubringen ist sehr viel schwieriger als gemeinhin angenommen. Selbst große Terrororganisationen, wie die berüchtigte Aum-Sekte in Japan, sind in der Vergangenheit kläglich daran gescheitert und haben sich lieber den chemischen Waffen oder dem klassischen Sprengstoff zugewandt.
Während man heute wahrscheinlich eher vom Blitz als vom Milzbrand getroffen wird, kann sich das in naher Zukunft schnell ändern. Mit Hilfe der Gentechnologie lassen sich heute schon tödliche und hoch ansteckende Viren im Labor maßgeschneidert produzieren. Erst kürzlich wurde in einem amerikanischen Labor einer der größten Killer der Menschheitsgeschichte künstlich wieder belebt: Die Spanische Grippe von 1918, die seinerzeit 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Die Versuchung, sich derart effektive Waffen anzueignen, könnte bald schon größer sein als die Vertragstreue zur Biowaffenkonvention. Selbst in Ländern, die bislang den biologischen Waffen abgeschworen haben, lässt sich ein wiedererwachendes Interesse an den neuartigen Biowaffen feststellen. Umso dringlicher erscheint eine längst überfällige Kontrolle des Biowaffen-Verbotes. Ein entsprechendes Protokoll wurde über Jahre verhandelt, scheiterte aber 2001 am Widerstand der USA.
Über Dr. Jan van Aken
Jan van Aken, Jahrgang 1961, ist Biologe und gründete 1999 mit KollegInnen in den USA das Sunshine Project gegen biologische Waffen. Von 2004-2006 arbeitete er als Biowaffeninspektor bei den Vereinten Nationen in New York, danach als Gentechnik-Campaigner bei Greenpeace International.
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edith mansfield (Gast)
07.03.09, 09:34 Uhr
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Helmut Krüger (registriertes Mitglied)
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Helmut Krüger (registriertes Mitglied)
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