Tagebuch-Eintrag
Vor allem keine Angst einimpfen lassen...
»Neun Prozent der Eltern zweifeln an der Impfnotwendigkeit« - so eine gerade von NEWS ADHOC.COM veröffentlichte Umfrage. Das Verbraucherportal CECU.DE berichtet, dass auch das Robert-Koch-Institut (RKI) anlässlich der »Impfkonferenz gegen Impfmüdigkeit« Alarm schlägt: »Trotz flächendeckender Information lassen sich nach wie vor zu wenig Menschen impfen«. Die Diplompsychologin Cornelia Betsch findet dies besorgniserregend und kommentiert die manchmal verschobene Wahrnehmung der Risiken.
Schlagwörter: Impfgegner, Impfmüdigkeit, Keuchhusten, Krankheiten, Masern, Tagebuch
Wenn ein Kind wenige Monate alt ist, werden Eltern vom Kinderarzt gefragt, was denn nun »mit dem Impfen« sei, das werde laut Impfkalender der Ständigen Impfkommission doch fällig. Sie werden informiert und erhalten Faltblätter, auf denen bunte Kinderbilder, Termine mit zahlreicher Impfungen und auch schon mal zähnefletschende Comic-Viren zu sehen sind. Häufig stammen diese Blätter von Pharmafirmen. Vielleicht haben Eltern dann das Bedürfnis, eine »unabhängige« Quelle aufzusuchen. Als Menschen unserer Zeit wählen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit das Internet und googeln »impfen«.
In der Flut der Informationen, die sich binnen Sekunden eröffnet, fällt schnell auf: zum Thema Impfen gibt es einige sehr kontroverse Meinungen. Neben Seiten, die von öffentlicher Hand oder seitens der Pharmaindustrie informieren, sind auch Seiten sogenannter Impfgegner oder Impfskeptiker zu finden. Dort berichten Eltern von Schäden ihrer Kinder, die ihrer Meinung nach auf Impfungen zurückzuführen sind.
In unseren aktuellen Studien an der Universität Erfurt können wir zeigen, dass genau diese Art von Information, nämlich emotionale und persönliche Berichte von Einzelschicksalen, dazu führen, dass das Risiko des Impfens als stark erhöht wahrgenommen wird. Gleichermaßen schätzen Personen, die diese Einzelfälle gelesen haben, das Auslassen von Impfungen als weniger riskant ein. In der Folge sinkt die Absicht, Kinder impfen zu lassen. Wie groß die Absicht ist, Kinder impfen zu lassen, wird dabei stärker davon beeinflusst, wie groß die Risiken von Impfungen wahrgenommen werden und weniger davon, wie groß das Risiko der Erkrankung wahrgenommen wird.
Während im Internet diese Art von Information immer verfügbarer wird, fehlen in unserem Erfahrungsschatz sichtbare und spürbare Erfahrungen mit den Krankheiten, gegen die geimpft werden kann. Kennen Sie noch jemanden, der an Kinderlähmung erkrankt ist? Oder wissen Sie eigentlich, was genau Masern sind? Wissen Sie, dass auch Sie an Keuchhusten erkranken können und ungeimpfte, weil zu junge, Babies mit einer für sie möglicherweise tödlichen Krankheit anstecken können - so wie vor einiger Zeit in Großbritannien?
Es zeigt sich eine gegenläufige Bewegung: Auf der einen Seite ist die gefühlte Bedrohung durch die Krankheiten, gegen die geimpft werden kann, wenig präsent, weil die Krankheiten kaum mehr sichtbar sind. Auf der anderen Seite steht eine wachsende und leicht verfügbare Anzahl persönlicher, bedrohlicher Berichte über angebliche Nebenwirkungen von Impfungen. Dies schafft nach unseren Erkenntnissen eine veränderte Risikowahrnehmung und verringert Impfabsichten.
Ich finde natürlich nicht, dass man völlig unkritisch sein und die Augen verschließen soll. Aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass von denjenigen, die nicht ohne weiteres den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission folgen, mehr Eltern über eine Abwägung von gesundheitlichen Kosten und Nutzen zu ihrer Entscheidung kommen. Und sich im Zweifel darüber im Klaren sind, woher ihre Gefühle kommen. Denn diese können stark sein, wenn man von einer Internetseite mit Betroffenenberichten kommt. Auf jeden Fall sollte man auch wissen, wogegen geimpft wird und was man damit an Krankheiten und Folgererkrankungen verhindern kann.
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der die Gesundheit unserer Kinder nicht von ängstlichen Gefühlen abhängig ist, die durch die Möglichkeit von Nebenwirkungen zustande kommen. Stattdessen sollten wir reale Wahrscheinlichkeiten betrachten und abwägen, so schwer es vielleicht auch manchmal fällt.
Über Dr. Cornelia Betsch
Cornelia Betsch, Jahrgang 1979, ist Diplompsychologin und Akademische Rätin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt. Ihr Forschungsinteresse gilt unter anderem der Rolle von Affekt und Intuition beim Entscheiden und der Risikowahrnehmung im Kontext medizinischer Entscheidungen.
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