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Tagebuch-Eintrag

2009
18
Mai

Internetsperre: Politischer Missbrauch des Missbrauchs

Mario Sixtus, freier Autor

Hier steht ein Foto von Mario Sixtus

Nach einem Gesetzentwurf der Bundesfamilienministerin sollen Sperren im Internet künftig den Zugriff auf Kinderporno-Seiten verhindern. Gegen diese Pläne laufen Datenschützer und Internetnutzer seit Wochen Sturm. »Wir sollten gegen Kindesmissbrauch kämpfen, wo wir nur können. Aber mit demokratischen Mitteln«, zitiert DIE ZEIT in dem Artikel »Keine Allmacht für das BKA« Stimmen aus der Blogosphäre. Mit einer Online Petition wollen die Kritiker der Internetsperren das Gesetz zur Eindämmung von Kinderpornografie im Internet verhindern. »Tausende unterstützen Petition gegen Internetsperren«, informiert DIE ZEIT dazu. Mit bis heute rund 85.000 Unterschriften haben die Unterstützer erreicht, dass sich der Petitionsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Sitzung mit dem Antrag befassen muss. Zu den Mitzeichnern gehört auch Mario Sixtus, schreibender Beobachter der Netzkultur und Spezialist für aktuelle Entwicklungen im Internet. Im Tagebuch hält er fest, warum er die geplante Sperrung von Kinderpornographie-Seiten für einen politischen Missbrauch des Missbrauchs hält.

(Foto: privat)

Schlagwörter: ePetition, Gesetz, Internetsperre, Kinderpornographie, Tagebuch, Zensur

Am vorvergangenen Sonntag war Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bei Anne Will in der ARD zu Gast und ließ sich lobend über »bürgerschaftliches Engagement« aus. So verliebt war sie in dieses Wörterpaar, dass sie es in 60 Minuten ganze elf Mal in den Mund nahm, wie ein ironischer Zusammenschnitt der Sendung auf Youtube zeigt. Jenseits des Sonntagabend-Talks sind es derzeit ausgerechnet die vielgelobten engagierten Bürger, die von der Leyen besonders viel Probleme bereiten: Fast 90.000 von ihnen unterzeichneten bislang die elektronische Petition gegen die geplanten Sperrungen von Kinderporno-Seiten im Internet, obendrein sprachen sich in einer Erklärung 420 »Eltern mit IT-Berufen« gegen von der Leyens Pläne aus. Bereits im April hatte sich der Verein »Mogis« (»MissbrauchsOpfer gegen InternetSperren«) gegründet, deren Sprecher Christian Bahls, selbst ein Opfer von Kindesmissbrauch, gegenüber der ZEIT sagte: »Ursula von der Leyens Kampagne gegen Kinderpornografie nutzt nichts und macht mich erneut zum Opfer«.

All diese Bürger als Wirrköpfe oder gar als Päderasten zu diffamieren, wie es Unionspolitiker anfangs noch versuchten, wird dem Familienministerium und dem mitstreitenden Wirtschaftsminister von Guttenberg (der in einem Tagesschau-Interview Unterzeichnern der Petition pauschal Zivilisiertheit absprach) kaum gelingen. Sie wird sich der inhaltlichen Kritik an ihren Plänen stellen müssen – und die hat es in sich: Fachleute bezweifeln öffentlich die Horrorzahlen, die der Ministerin als Begründung für ihr Vorhaben dienen, Länder wie Schweden, in denen Internet-Sperren bereits implementiert sind, haben deren Wirkungslosigkeit längst eingestanden und Kenner der Szene verweisen darauf, dass kinderpornografische Medien im öffentlich zugänglichen Web quasi überhaupt nicht vorkommen, sondern in geschlossenen Filesharing-Netzen oder auf dem Postweg getauscht werden.

Nun ist ein wirkungsloses Gesetz zunächst nichts Schlimmes und so mancher mag geneigt sein, der »Wenn nur einem Kind geholfen wird«-Argumentation der Ministerin zuzustimmen. Allerdings: Das Sperrgesetz hat weit größere Nebenwirkungen, als diese vage Hoffnung auf homöopathische Wirkung jemals rechtfertigen könnte. Laut aktueller Planung sollen Internet-Zugangsprovider künftig den Zugriff auf Domains verweigern, die auf einer vom Bundeskriminalamt erstellten und ansonsten geheimen Schwarzen Liste stehen. Wessen Website warum auf dieser Liste landet? Streng geheim! Eine Kontrolle der Behörde? Nicht vorgesehen! Einspruchsmöglichkeit des Webseitenbetreibers? Pustekuchen! Jenseits jeglicher demokratischen Legitimation und Kontrollmöglichkeit, unter Missachtung des grundgesetzlichen Gebots der Gewaltenteilung schafft von der Leyens Ministerium hier eine Zensur-Infrastruktur, wie sie sich die DDR-Führung nur hätte wünschen können. Auch wenn die Ministerin noch so oft betont, die Sperren richteten sich »derzeit« ausschließlich gegen kinderpornografische Angebote: Die Interessenten an einer Erweiterung der Blockadeautomatik stehen bereits Schlange – mit eigenen Sperrlisten unter den Armen. Die landeseigenen Lotteriegesellschaften etwa machen keinen Hehl aus ihrem Wunsch, ausländische Glücksspiel-Angebote vom Netz abzuklemmen, und auch der Musikindustrie-Lobbyist Dieter Gorny, der Dateitauschern am liebsten das Internet ganz abstellen würde, dürfte bereits mit den Hufen scharren. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu ahnen, wer noch einen vermeintlich legitimen Anspruch auf Sperrung unliebsamer Websites anmelden wird: Markeninhaber etwa, die den Handel mit Plagiaten unterbinden wollen, Moralapostel, die sich auch an legaler Pornografie stören oder Institutionen, die schlicht keinen Spaß verstehen und sich nicht veralbern lassen wollen.

Das ist keine Schwarzmalerei: Erst in der letzten Woche verschwand eine Satire-Seite aus dem deutschen Web, die sich kritisch mit dem Thema Internet-Sperren auseinandersetzte. Laut Angaben des Betreibers hatte das Innenministerium den Webhoster um Entfernung der Persiflage »gebeten«. Ist das Zensursystem erstmal in Funktion, sind solche Umwege nicht mehr nötig: eine kleine »Amtshilfe« des BKA auf dem kurzen Dienstweg hätte ausgereicht. Was Netz-affine Menschen obendrein auf die Palme bringt: Statt ein monströses Sperrsystem in das deutsche Internet zu implementieren, wäre ein direktes Vorgehen gegen die Hoster kinderpornografischer Angebote wesentlich effektiver. Der Organisation Carechild gelang es beispielsweise binnen 48 Stunden 16 von 20 kinderpornografischen Angeboten aus dem Netz zu verbannen – durch den Versand simpler E-Mails an die jeweiligen Webhoster (bei den übrigen vier Angeboten versicherten die Provider, es lägen Altersnachweise über die Volljährigkeit der abgebildeten Personen vor). Wenn ein kleiner Verein ohne die personellen Ressourcen des BKA und ganz ohne Verbindungen zu Euro- oder Interpol auf diesem einfachen Wege derartige Erfolge verbuchen kann, liegt die Frage nahe, ob dieses merkwürdige Sperrgesetz nun ein aus Ignoranz heraus geborener Versuch mit guter Absicht ist, oder ein vermeintlich günstiger Wahlkampfschlager, oder ob hier politisch der Missbrauch von Kindern missbraucht wird, um einen Ausschalter für unliebsame Inhalte ins deutsche Internet einzubauen.

Über Mario Sixtus

Mario Sixtus, 1965 geboren, ist freier Autor, Videojournalist und Gründer der Video- und TV-Produktionsfirma »Blinkenlichten Produktionen«. Für seine Videoreihe »Elektrischer Reporter« erhielt er unter anderem den Grimme Online Award in der Kategorie »Wissen und Bildung«.


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Re: Internetsperre: Politischer Missbrauch des Missbrauchs

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