Tagebuch-Eintrag
Frauenhäuser abschaffen - schön wär's ja!
»Männerforscher entdeckt Männerhass in Frauenhäusern«, berichtet das Online Magazin für Frauen AVIVA über den Soziologen Gerhardt Amendt: »Stattdessen sollen Männer und Frauen miteinander reden – dann wird schon alles gut werden«. Amendt hält das Vorhaben des Familienausschusses im Bundestag, eine eventuelle Finanzierungsgarantie der Frauenhäuser prüfen zu lassen, »für ungeheuerlich« und »gut ausgebildete Männer und Frauen in Familienberatungsstellen« für eine Lösung. Bei WELT ONLINE zitiert er zu seiner Forderung »Warum das Frauenhaus abgeschafft werden muss« Forschungsergebnisse, die besagen, »dass Frauen genau so aggressiv und genau so gewalttätig - und das sogar geringfügig häufiger - wie Männer sind«. Eine Online-Umfrage bei WELT ONLINE ergab inzwischen eine deutliche Mehrheit gegen die Abschaffung. Claudia Lissewski, seit Jahren für Frauenhäuser engagiert, greift kommentierend in die Debatte ein.
Schlagwörter: Beratung, Finanzierung, Frauenhäuser, Gewalt gegen Frauen, Information, Menschenrechtsverletzung, Schutz, Sicherheit, Tagebuch
Ich würde mich freuen, wenn Frauenhäuser abgeschafft werden könnten. Nicht, weil sie »Horte des Männerhasses« sind wie Professor Gerhard Amendt meint, sondern weil wir in einer Gesellschaft leben würden, in der sie nicht mehr gebraucht werden. Konflikte in Beziehungen würden nicht mehr mit der Faust oder mit psychischen Erniedrigungen »gelöst« und es gäbe keine sexuelle Gewalt mehr, weil es keine Zwangsehen mehr gäbe und weil Frauen und Männer weder Opfer noch Täter, sondern Gewinnerinnen und Gewinner wären ...
Leider sieht die Realität anders aus: jährlich suchen rund 20.000 Frauen und ebenso viele Kinder Zuflucht in Frauenhäusern. Rund 60 Prozent dieser Frauen werden von der Polizei oder von professionellen Diensten ins Frauenhaus vermittelt. Ein Großteil der Frauen hat schwere oder sehr schwere Gewalt erlitten oder war sexueller Gewalt ausgesetzt. Die Gewalthandlungen, die diese Frauen erlebt haben, erfüllen in der Regel die Merkmale von Straftatbeständen.
Es ist Aufgabe der Frauenhäuser, Frauen und ihren Kindern Schutz und Sicherheit zu gewähren. Sie stehen ihnen in einer existenziellen Krise mit psychosozialer Beratung und Informationen zur Seite, um Wege aus den von Gewalt geprägten Lebensverhältnissen aufzuzeigen. Hierzu gehört unter anderem die Information über weiterführende spezifische Beratungsangebote und Therapiemöglichkeiten. All dieses gehört zum Standard der Frauenhausarbeit. Nicht zur Aufgabe von Frauenhäusern gehört es, »Schuldfragen« zu klären.
Solange Frauen und Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sind, sind Frauenhäuser ein unverzichtbarer Bestandteil des professionellen Unterstützungssystems. Häusliche Gewalt - unabhängig, von welchem Geschlecht sie ausgeübt wird - ist eine Menschenrechtsverletzung. Und es gibt eine staatliche Verpflichtung, Menschen, die von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffen sind, Schutz und Hilfe zu gewähren. Dazu gehört meiner Ansicht nach auch eine gesicherte finanzielle Absicherung des Unterstützungssystems einschließlich der Frauenhäuser, um allen Betroffenen Zugang zu professioneller Beratung und Hilfe zu ermöglichen.
Alle von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder müssen meiner Ansicht nach unabhängig von Einkommen, Aufenthaltsstatus und Wohnort jederzeit Schutz in einem sicheren Frauenhaus finden können. Dies setzt neben einem bedarfsgerechten Platzangebot vor allem eine gesicherte Finanzierung voraus, die häufig leider nicht gegeben und zudem in den einzelnen Bundesländern auch noch sehr unterschiedlich ist. Für Studentinnen, Auszubildende und Migrantinnen zum Beispiel wird der Zugang zu Schutz und Hilfe insbesondere durch die Tagessatzfinanzierung erschwert. Und für Frauen mit Behinderungen fehlen oftmals behindertenspezifische Unterstützungsmöglichkeiten - wie zum Beispiel barrierefreie Zugänge.
Frauenhäuser sind und können nur ein Teil des Unterstützungssystems sein, eingebettet in andere Angebote für Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und Familien. Doch manchmal sind sie der einzige Ort, um einer gewaltgeprägten Lebenssituation zu entkommen. Wie gesagt, schön wäre es, wenn sie nicht mehr gebraucht würden.
Über Claudia Lissewski
Claudia Lissewski, Jahrgang 1959, ist Referentin im Arbeitsbereich Frauen beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt und Vorstandsmitglied im Verein Frauenhauskoordinierung, der sich für den Abbau von Gewalt gegen Frauen einsetzt. Der Verein wird von der Arbeiterwohlfahrt , dem Deutschen Caritasverband, dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und dem Sozialdienst katholischer Frauen getragen. Dem Verein gehören außerdem Frauenhäuser in freier Trägerschaft an.
Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Frauen & Männer"
Bisherige Beiträge: 274
Re: Frauenhäuser abschaffen – schön wär's ja!
Thomas Reitenbach (registriertes Mitglied)
02.07.10, 12:57 Uhr
Re: Frauenhäuser abschaffen – schön wär's ja!
Ruth Teibold-Wagner (registriertes Mitglied)
12.06.10, 19:13 Uhr
Re: Frauenhäuser abschaffen – schön wär's ja!
wahrheit Wahrsager (registriertes Mitglied)
22.10.09, 13:45 Uhr
Re: WIRKLICHE gesellschaftliche Veränderungen!!
eine Frau (registriertes Mitglied)
18.09.09, 10:14 Uhr
Re: WIRKLICHE gesellschaftliche Veränderungen!!
Guntram Seiss (registriertes Mitglied)
18.09.09, 00:51 Uhr




