Zur Navigation springen Zum Inhalt springen Dynamische Seitenelemente mit JavaScript (Ajax) deaktivieren

 

Tagebuch-Eintrag

2009
07
Nov

Existenzkrise Firmenpleite: Für eine Kultur der zweiten Chance

Attila von Unruh, Gründer des Selbsthilfenetzwerkes Anonyme Insolvenzler

Das Foto zeigt Attila von Unruh.

Mit über 35.000 Firmenpleiten rechne der Verband Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) für das Jahr 2009, berichtet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Besonders betroffen von der hohen Zahl von Insolvenzen seien kleine und mittelständische Betriebe, da die Kreditvergabe der Banken sehr restriktiv sei und die staatlichen Kreditprogramme beim Mittelstand noch nicht wirkten, schreibt die Zeitung. Viele Betriebe gerieten deshalb unverschuldet in eine bedrohliche Lage. »Im Mittelstand droht eine regelrechte Katastrophe«, zitiert die SÜDDEUTSCHE den VID-Vorsitzenden Siegfried Beck. Wie diese finanziellen Katastrophen bei den gescheiterten klein- und mittelständischen Firmenchefs auch zu schweren persönlichen Krisen führen, kommentiert heute Attila von Unruh, Gründer des Selbsthilfenetzwerkes »Anonyme Insolvenzler« im Tagebuch. Über diese Existenzkrisen zu sprechen gelte als gesellschaftliches Tabu.

Schlagwörter: Anonyme Insolvenzler, Firmenpleite, Gesprächskreis, Insolvenz, Insolvenzverwalter, Selbsthilfegruppe, Tagebuch

Ich bin insolvent.
Ich kann nicht mehr.
Es ist vorbei.

Insolvenz: Für mich verband sich damit das Ende. Gleichbedeutend mit Tod. Deshalb hatte ich es immer verdrängt, mich damit auseinanderzusetzen. Selbst als ich pleite war. Lieber kämpfen, weitermachen. Hoffen, dass alles nur ein böser Traum ist. Ich hatte doch keine Schuld an der Pleite – wie konnte ausgerechnet mir so etwas passieren?

Wie kam es dazu? Ich hatte verschiedene Firmen erfolgreich aufgebaut, war deren Gesellschafter und Geschäftsführer. Um Geld machte ich mir keine Sorgen und investierte alles immer wieder in die Firmen. Als ich sie verkaufte, sah die Zukunft viel versprechend aus. Doch der Käufer hielt sich nicht an die Verträge, schlimmer noch, er meldete mit der Firma, die er übernommen hatte, nach kurzer Zeit Insolvenz an. Als Folge wurden Bürgschafen fällig gestellt, für die ich noch persönlich haftete – der Albtraum begann, meine eigene Insolvenz war die Folge.

Insolvenz ist ein großes Tabuthema in Deutschland. »Man spricht nicht darüber«. Wer betroffen ist, kann in der Regel seine sozialen Kontakte nicht mehr bewahren – man gehört nicht mehr dazu, kann es sich finanziell einfach nicht mehr leisten, dabei zu sein. Selbst wenn die Freunde einen einladen möchten, will man sich nicht als Almosenempfänger fühlen – Rückzug ist häufig die Folge. Der Verlust des Selbstwertgefühls geht einher mit Scham. Unternehmer, die es gewohnt waren, Entscheidungen zu treffen, fühlen sich von ihrem Insolvenzverwalter »entmündigt«. Oft geht die Entwurzelung aus sozialen Kontakten einher mit dem Verlust der Wohnung. All das führt häufig zu schweren persönlichen Krisen, die sich dann auch auf die Ehe oder Partnerschaft auswirkten. Auch die Partner sind oft überfordert - sie sitzen meistens mit im sinkenden Boot.

Was hat mir geholfen? Ich traf auf andere »Insolvenzler« – und merkte, wie gut es mir tat, auf Augenhöhe zu reden. Ich brauchte mich nicht zu schämen, mein Gegenüber wusste, wovon ich sprach. Wir hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich merkte: reden hilft. So entstand die Idee für den Gesprächskreis »Anonyme Insolvenzler«, der im Herbst 2007 in Köln startete. Die Regeln der Selbsthilfegruppe sind einfach: Eingeladen sind Menschen, die von Insolvenz betroffen sind, die Teilnehmer bleiben anonym, es wird Vertraulichkeit vereinbart, Probleme werden benannt, aber nicht bewertet. Eingeladen sind auch Menschen, die noch nicht in der Insolvenz sind und Hilfe suchen – denn die Zeit vor der Insolvenz ist für die meisten Betroffenen die schwerste Zeit.

Inzwischen ist ein bundesweites Netzwerk entstanden von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und es sind viele interessante Projekte aus dem Kreis der Betroffenen entstanden. Über das Internet wurde die Initiative schnell in ganz Deutschland bei vielen Betroffenen bekannt. Ich stelle einen ungeheuren Bedarf nach Kontakt bei ihnen fest. Wir erfahren bereits viel Hilfe. Die brauchen wir aber auch, denn wir haben noch viel vor, damit sich in Deutschland eine Kultur der zweiten Chance entwickelt.

Über Attila von Unruh

Attila von Unruh, 48 Jahre, führte 15 Jahre Unternehmen und gründete nach seiner Insolvenz die Initiative »Anonyme Insolvenzler«. Er engagiert sich als Vorstand im Trägerverein Bundesverband »Menschen in Insolvenz und neue Chancen“ (BV INSO). Von Unruh ist zertifiziert als systemischer Coach und Berater für Unternehmen und Referent zu den Themen Krisenprävention in Unternehmen, Insolvenz und Restart. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Wirtschaft & Arbeit"

Bisherige Beiträge: 20

Gelöscht auf Wunsch des Nutzers

N. N. (Gast)
25.11.09, 11:06 Uhr

Re: Wie kann man nur so dämlich sein?

Frank M. (registriertes Mitglied)
25.11.09, 07:30 Uhr

Gelöscht auf Wunsch des Nutzers

N. N. (Gast)
24.11.09, 12:22 Uhr

Re: Wie kann man nur so dämlich sein?

Frank M. (registriertes Mitglied)
22.11.09, 16:23 Uhr

Gelöscht auf Wunsch des Nutzers

N. N. (Gast)
19.11.09, 11:19 Uhr

Ganzen Diskussionsstrang aufrufen
Kommentar abgeben

Zurück zur Übersicht der Tagebuch-Einträge

Seitenübersicht