Tagebuch-Eintrag
Auszubildende wollen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen richtig anpacken
In dem Artikel »Fehlende Leistungsbereitschaft - IHK klagt über Auszubildende« thematisieren KA-NEWS die oft zitierte Unzufriedenheit deutscher Ausbildungsbetriebe mit Azubis. Nicht nur die fehlenden Auszubildenden seien das Problem, sondern »in einer Umfrage unter den Betrieben gaben 32,6 Prozent an, dass sie bei besseren Bewerbern auch mehr eingestellt hätten. In 60 Prozent der Fälle sei fehlende Leistungsbereitschaft ein Ablehnungsgrund gewesen«. Andreas Krewerth hat sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Ausbildung aus Sicht der Auszubildenden beschäftigt und relativiert in seinem Kommentar die Einschätzung der zitierten Industrie- und Handelskammer in Karlsuhe.
Schlagwörter: Arbeit, Arbeitsalltag, Ausbildungspraxis, Auszubildende, Betriebe, Jugendliche, Kollegenkreis, Leistungsbereitschaft, Tagebuch
Jugendliche sind durchaus leistungsbereit, stellen dafür aber auch Bedingungen. In der Presse stößt man oft auf Berichte, in denen die »fehlende Leistungsbereitschaft« heutiger Auszubildender beklagt wird – ein Zeichen dafür, dass die Jugendlichen den Erwartungen der Betriebe nicht immer gerecht werden. Doch stellen wir die Frage einmal andersherum: Welche Erwartungen haben eigentlich die Auszubildenden an die Betriebe? Auf welche Aspekte der Ausbildungsgestaltung legen sie Wert? Und inwiefern wird die heutige Ausbildungspraxis ihren Forderungen gerecht? Um diese Fragen zu klären, wurden im Rahmen eines Forschungsvorhabens rund 6.000 Auszubildende befragt.
In Bezug auf die Erwartungen an die Ausbildungspraxis zeigt sich, dass die Auszubildenden hohen Wert darauf legen, in den Betrieben »echte Arbeit« zu leisten, in größere Aufgaben mit einbezogen zu werden und dabei auch Verantwortung zu übernehmen. Hierfür sind sie häufig auch bereit, Belastungen wie Überstunden auf sich zu nehmen. In den Antworten der Auszubildenden wird allerdings auch deutlich, dass sie ihre Leistungsbereitschaft an Bedingungen knüpfen: Einerseits ist es ihnen wichtig, nicht nur in die Arbeitsabläufe, sondern auch in den Kollegenkreis integriert zu werden. Sie wünschen sich, dass sie für gute Leistungen gelobt werden und ihre Kolleginnen und Kollegen respektvoll mit ihnen umgehen.
Andererseits legen die Auszubildenden Wert darauf, schon während der Ausbildung genügend Geld zu verdienen, ausreichend Freizeit zu haben und ihren Urlaub möglichst frei festlegen zu können. Im Überblick entsteht für mich somit das Bild von selbstbewussten Auszubildenden, die in den Betrieben richtig mit anpacken wollen, die hierfür aber auch Gegenleistungen erwarten. Es ist klar, dass es für die Betriebe nicht einfach ist, mit diesen Erwartungen im häufig unter Zeit-, Leistungs- und Kostendruck ablaufenden Arbeitsalltag umzugehen. Auch die zunehmende Heterogenität heutiger Schulabsolventen in qualifikatorischer und sozio-kultureller Hinsicht stellt eine Herausforderung für die betriebliche Ausbildungsgestaltung dar.
Angesichts des demographischen Wandels werden sich die Betriebe aber zwangsläufig mit diesen Anforderungen auseinandersetzen müssen. In Ostdeutschland ist die Zahl der nichtstudienberechtigten Schulabsolventen bereits seit 2001 stark rückläufig. Im Jahr 2011 werden wir hier die Talsohle erreichen. Anstelle von 175.000 Schulabsolventen ohne Studienberechtigung im Jahr 2001 werden es 2011 nur noch rund 75.000 sein – also weniger als die Hälfte! In Westdeutschland setzte der Rückgang bei den nichtstudienberechtigten Schulabsolventen zwar erst 2007 ein, er wird sich dafür aber mindestens bis 2020 fortsetzen.
In Zukunft werden die Betriebe somit wesentlich stärker um Schulabsolventen konkurrieren müssen und seltener ihre »Wunschkandidaten« erhalten. Wenn die Erwartungen der Betriebe und der Auszubildenden aber zu sehr voneinander abweichen, sind Konflikte vorprogrammiert. Umso wichtiger wird es dann, regelmäßig ehrliche Gespräche mit den Auszubildenden zu führen, in denen einzelne Arbeitsergebnisse und die Ausbildungsbedingungen insgesamt besprochen und bewertet werden. Erst hierdurch können verborgene Konflikte entdeckt und Lösungsstrategien gesucht werden. Diese Feedbackkultur, so die zitierte Studie – ist momentan noch eine »Baustelle« in der Ausbildung, der sich die Betriebe verstärkt widmen müssen.
Über Andreas Krewerth
Andreas Krewerth, M.A., Jahrgang 1976, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Er hat Erziehungswissenschaft, Soziologie und Geographie studiert und beschäftigt sich im BIBB mit den Forschungsschwerpunkten Qualität der beruflichen Bildung, Ausbildungsplatzsuche und Ausbildungsgestaltung aus Sicht der Nachfragenden. Aktuell ist er Sprecher des BIBB-Forschungsprojekts »Ausbildung aus Sicht der Auszubildenden«.
Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Wirtschaft & Arbeit"
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Re: Auszubildende wollen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen richtig anpacken
Gundela Werner-Helmstädter (registriertes Mitglied)
21.11.09, 17:16 Uhr
Re: Auszubildende wollen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen richtig anpacken
Helmut Krüger (registriertes Mitglied)
21.11.09, 13:04 Uhr
Re: Auszubildende wollen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen richtig anpacken
Gundela Werner-Helmstädter (registriertes Mitglied)
21.11.09, 11:42 Uhr
eierlegende Wollmilchsäue gibt es nicht …
Christoph Engel (registriertes Mitglied)
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21.11.09, 10:00 Uhr




