Tagebuch-Eintrag
Häusliche Gewalt geht auch die Wirtschaft an
»Häusliche Gewalt wächst mit der Wirtschaftskrise«, berichtet das HAMBURGER ABENDBLATT. Der gleichnamige Artikel nennt »Frust, Angst vorm Verlust des Arbeitsplatzes, Existenzsorgen und damit verbundene Minderwertigkeitskomplexe, unter denen Männer als Ernährer der Familie in der Wirtschaftskrise leiden« als mögliche Auslöser für die steigende Gewaltbereitschaft in den eigenen vier Wänden. Nach Angaben von terre des femmes kostet die Männergewalt gegen Frauen und Mädchen die Solidargemeinschaft jährlich 14,8 Milliarden Euro für Justiz, Polizei, ärztliche Behandlung - und Arbeitsausfälle. Gerade am Arbeitsplatz ist das Thema Häusliche Gewalt noch immer ein Tabu. Anlass für Serap Altinisik von terre de femmes, uns heute, am Vorabend des Internationalen Tages gegen Gewalt gegen Frauen, mit den Strategien der Workplace Policy vertraut zu machen.
Schlagwörter: Gesundheit, Häusliche Gewalt, Prävention, Tagebuch, Workplace Policy
Viele Leserinnen und Leser fragen sich vielleicht, was Unternehmen, sprich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, davon haben, wenn sie sich innerbetrieblich gegen Häusliche Gewalt engagieren. Geschieht die Gewalt doch in den eigenen vier Wänden und nicht am Arbeitsplatz.
Nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2005 erlebt circa jede vierte Frau Häusliche Gewalt in Deutschland und rund 300 Frauen sterben pro Jahr an den Folgen, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegt.
Doch Häusliche Gewalt, so hatte sich auch 2002 Deutschland mit dem Gewaltschutzgesetz klar bekannt, ist keine Privatangelegenheit, sie betrifft uns alle. Da ich mich seit über vier Jahren täglich mit den Ursachen und Ausmaßen von Häuslicher Gewalt beschäftige, wollte ich bei der Vorbereitung auf eine bundesweite Kampagne zum Thema Häusliche Gewalt unbedingt so viele gesellschaftliche Akteure wie möglich und auch betroffene Berufsgruppen einbeziehen, sensibilisieren und sie für die Bekämpfung von Gewalt an Frauen gewinnen.
Am Beispiel von THE BODY SHOP bin ich dann auf die so genannte Workplace Policy gestoßen, die in angelsächsischen Staaten schon seit Jahren als Mittel gegen Häusliche Gewalt angewandt wird. Dort unterstützen große und weltweit bekannte Unternehmen, aber auch kleine und mittelständische Betriebe ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Fällen von Häuslicher Gewalt.
Begeistert von dieser Strategie und davon überzeugt, dass auch in Deutschland Häusliche Gewalt nicht zuhause aufhört, haben wir die Workplace Policy nach Deutschland geholt. Die Auswirkungen von Häuslicher Gewalt sind nämlich nicht nur auf persönlicher Ebene zu spüren. Viele der Betroffenen werden auch am Arbeitsplatz durch feindselige E-Mails, Drohanrufe oder tätliche Übergriffe verfolgt. Menschen, die Häusliche Gewalt erfahren, müssen vielfach auch mit Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit leben, mit Verletzungen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionen, um nur einige wenige Symptome zu nennen.
Angelsächsische Unternehmen haben relativ schnell verstanden, was dies für ihre Betriebe bedeutet: Längere Abwesenheiten, Personalfluktuation und geringere Produktivität der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen haben jedoch auch die Fürsorgepflicht, die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhalten und zu schützen. Das geniale an der Workplace Policy, der Selbstverpflichtung von Unternehmen gegen Häusliche Gewalt, ist, dass sie sehr flexibel und leicht dem Unternehmenstyp angepasst werden kann. Einige praktische Beispiele sollen hier zeigen, wie mit einfachen Mitteln vielen Betroffenen Hilfe - und auch ein Stück weit Mut - im Umgang mit Häuslicher Gewalt gegeben werden kann: Unternehmen verteilen Flyer, hängen Plakate auf und stellen Kontaktdaten von Beratungsstellen zur Verfügung. Sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können durch Weiterbildungen sensibilisiert werden, aber auch flexible Arbeitszeiten können Mitarbeiterinnen die Möglichkeit geben, sich notwendige medizinische, rechtliche oder beratende Hilfe zu holen.
In diesem Sinne ist heute jenen deutschen Unternehmen und Behörden zu danken, die sich mit diesem Thema befassen und als Arbeitgeber bereits Verantwortung übernommen haben. Bleiben wir also dran, damit sich bald eine noch größere Allianz von Arbeitgebern bildet, die den Betroffenen Hilfe anbieten können und damit einen wichtigen Beitrag leisten auf dem Weg, der weltweit größten gesundheitlichen Gefahr für Frauen die Stirn zu bieten. Denn wie sagte der ehemalige Personalleiter eines der ersten Unternehmen in Deutschland, das die Workplace Policy unterstützte, so treffend: »Menschen geben ihre privaten Probleme eben nicht am Werkstor ab«.
Über Serap Altinisik
Serap Altinisik, 35, ist seit über vier Jahren Leiterin des Referats Häusliche Gewalt bei terre de femmes. Sie ist Politologin und Anglistin und lebt in Berlin. Gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen stellt sie heute erneut in Berlin Strategien der Workplace Policy vor, mit denen sich Unternehmen am Kampf gegen häusliche Gewalt beteiligen können.
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