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Tagebuch-Eintrag

2009
02
Dez

Wenn Altersvorsorge nicht zum Alter passt

Renate Stark, Sozialarbeiterin

Hier ist Renate Stark abgebildet

Das Schonvermögen soll erhöht werden, wenn es der Altersvorsorge dient. »Vielen Frauen nützt diese Verbesserung jedoch nichts, denn sie haben kaum Geld zum Sparen«, bringt die TAZ in dem Artikel »Mehr Geld, aber nicht für Frauen« das Vorhaben der Bundesregierung auf den Punkt. Die Gründe: Frauen arbeiten öfter als Männer in prekären Jobs mit geringem Einkommen, haben seltener die Chance, etwas für die Rente zurückzulegen und sind sehr viel häufiger als Männer alleinerziehend: »91 Prozent aller Alleinerziehenden in Deutschland sind weiblich«. Auch Renate Stark, Hartz-IV-Beraterin bei der Berliner Caritas ist der Ansicht, beim Schonvermögen werden Frauen »doppelt betrogen«. Im Tagebuch führt sie aus, warum die Neuregelung zum Schonvermögen an der Lebenssituation vieler Alleinerziehender und kranker Menschen vorbei geht.

Schlagwörter: ALG II, Altersvorsorge, Hartz IV-Bezieher, Schonvermögen, Tagebuch

Die Idee, das Schonvermögen von Hartz IV-Beziehern zu erhöhen, ist eine gute Idee. Es soll sozial Schwachen ermöglichen, etwas für ihre Zukunft zu tun. Es fragt sich nur, über wessen Zukunft man dabei redet. Bei allein erziehenden Müttern liegt sie meist in den Bildungschancen ihrer Kinder. Sie sparen ihr Geld – wenn sie es überhaupt schaffen, Geld beiseite zu legen – meist auf Sparbüchern, um ihre Kinder direkt unterstützen zu können. Sie sind es gewohnt, mit wenig Geld zu haushalten. Deshalb wissen sie auch sehr genau, was auf ihre Kinder bei einer Ausbildung oder einem Studium zukommt. Und ihre Kinder gehen vor – das erlebe ich fast jeden Tag in meiner Beratungsstelle.

Nun haben diese Frauen also eine »Anlagestrategie«, die nicht zum Schonvermögen passt. Würden sie über Jahre Geld ansparen, um eine private Altersversorgung ohne Kapitalbildung, wie z. B. die Riester- oder Rürup- Rente, anzulegen, käme das Schonvermögen zum Tragen. Das ist z. B. bei älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern der Fall, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Für sie ist das neu eingeführte Schonvermögen von 750 Euro pro Lebensjahr – für eine 50-jährige Frau wären das also 37.500 Euro – eine Absicherung, die ihren sozialen Abstieg verhindern oder zumindest abfedern hilft. Auch für die vielen Kleinstunternehmer, die ich berate, ist das eine wichtige Perspektive in einer existenziell bedrohlichen Situation.

Nur bei allein erziehenden Frauen und Familien mit vielen Kindern, die gerade so mit ihrem Geld über die Runden kommen, für die greift die Neuregelung leider nicht. Oftmals kommen sie zu mir in die Beratung, weil sie geradeso über dem ALG II-Satz (Hartz IV) liegen, und daher Vergünstigungen wie z. B. ermäßigte Fahrkarten, GEZ-Gebühren-Befreiung, Geld für Schulbücher oder eine Klassenreise nicht in Anspruch nehmen können. Obwohl z. T. beide Eltern ganztags arbeiten, reicht es einfach nicht aus. Gerade bei diesen Eltern und auch ihren Kindern macht es Sinn, einmal über den Begriff der Altersvorsorge, der Vorsorge für eine abgesicherte Zukunft, nachzudenken. Denn nicht nur für diese Eltern ist die Zukunft ihrer Kinder eine Sicherheit. Das ist sie letztlich für uns alle. Darin liegt für mich der Nachbesserungsbedarf, was das Thema Altersvorsorge betrifft.

Eine weitere Wahrnehmungslücke der Neuregelung zum Schonvermögen ist die Lebenssituation von Beziehern der Leistungen nach dem SGB XII – also Beziehern von Hilfe zum Lebensunterhalt, was früher einmal Sozialhilfe hieß. Hier gelten nämlich immer noch die alten Sätze für das Schonvermögen: bei Alleinstehenden 1.600 Euro, wenn sie über 60 Jahre sind, dann 2.600 Euro. Das betrifft zum Beispiel psychisch Kranke oder Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht länger als drei Stunden arbeiten können. Das sind oft ehemalige ALG II-Bezieher, die krank werden. Ich finde es schwer verständlich, dass sie aus dem Anspruch auf eine soziale Absicherung herausfallen, wenn sie sie eigentlich am nötigsten hätten. Das erzeugt Ängste, die Leute krank machen können.
Das ist ein bisschen wie ein Teufelskreis.

Über Renate Stark

Renate Stark arbeitet seit 18 Jahren als Diplom-Sozialpädagogin in der Beratungsstelle des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin e. V. im Prenzlauer Berg. Zu der Spezialistin für Sozial- und Stiftungsberatung kommen seit Jahren ratsuchende Familien und allein erziehende Frauen sowie Menschen in psychischen und sozialen Notsituationen.


Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Familienpolitik"

Bisherige Beiträge: 11

Re: Wenn Altersvorsorge nicht zum Alter passt

Guntram Seiss (registriertes Mitglied)
31.01.10, 21:57 Uhr

Re: Wenn Altersvorsorge nicht zum Alter passt

Christoph Engel (registriertes Mitglied)
03.12.09, 14:27 Uhr

Re: Wenn Altersvorsorge nicht zum Alter passt

caterina ehlers (registriertes Mitglied)
02.12.09, 20:50 Uhr

Re: Wenn Altersvorsorge nicht zum Alter passt

Wolfgang Lüdbach (registriertes Mitglied)
02.12.09, 17:15 Uhr

Re: Wenn Altersvorsorge nicht zum Alter passt

Christoph Engel (registriertes Mitglied)
02.12.09, 15:40 Uhr

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