Tagebuch-Eintrag
Wachkoma und Hirntod – Was wissen wir über die Grenzbereiche menschlicher Existenz?
Wie sicher können wir uns in der Beurteilung von Grenzbereichen menschlicher Existenz sein? Diese Frage warf der jüngst bekannt gewordene Fall einer dramatischen Fehldiagnose auf: Jahrzehnte lang dachten Ärzte, das Unfallopfer Rom Houben läge im Wachkoma. Erst nach 23 Jahren ergaben neue Untersuchungsmethoden, dass der nahezu völlig bewegungsunfähige Belgier bei vollem Bewusstsein ist und tatsächlich am Locked-In-Syndrom leidet. »Vor mehr als 20 Jahren, als Rom Houben verunglückte, gab es noch gar nicht die technischen Möglichkeiten, um solche präzisen Diagnosen zu stellen«, zitiert DER WESTEN die Neuropsychologin Audrey Vanhaudenhuyse. Ihre belgische Forschergruppe habe kürzlich eine Studie veröffentlicht, die zeige, dass »Wachkoma in fast jedem zweiten Fall eine Fehldiagnose« sei. Im heutigen Kommentar verknüpft die Medizinethnologin Vera Kalitzkus die Wachkomadiskussion mit der Debatte um den Hirntod und hinterfragt scheinbar gesetzte öffentliche Gewissheiten.
Schlagwörter: Bewusstsein, Grenzbereiche, Hirntod, Organspende, Rom Houben, Tagebuch, Wachkoma
Wachkoma ist medizinisch als »klinischer Zustand vollständig fehlender Bewusstheit des eigenen Selbst und der Umgebung« definiert. Dabei können Stammhirnfunktionen zwar teilweise oder vollständig vorhanden sein. Patienten im Wachkoma sind jedoch nach dem bisherigen medizinischen Kenntnisstand nicht in der Lage, reproduzierbare, bedeutsame oder willentliche Verhaltensantworten auf Reize zu zeigen. Nach dem Fall Rom Houben scheint diese wissenschaftliche Annahme zweifelhaft: Um den wahren Zustand des Belgiers zu erkennen, fehlten lediglich die Mittel oder die Aufmerksamkeit. Ein fehlender Nachweis vorhandener Bewusstheit ist aber nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit fehlender Bewusstheit.
Der Definition von Wachkoma liegt das biomedizinische Menschenbild zugrunde. Menschsein ist nach dieser Auffassung primär über die »personale Identität« oder das Potential hierfür gekennzeichnet. Diese hängt wiederum von der Funktionsfähigkeit des Gehirns ab. Schon lange gibt es Kritik an dieser Sichtweise: Menschen mit engem Kontakt zu Patienten im Wachkoma wie Angehörige, Ärzte oder Therapeuten weisen darauf hin, dass die Zuschreibung fehlender Bewusstheit nicht immer zutreffend ist und setzen sich für therapeutische Maßnahmen für diese Patienten ein.
Erscheinen durch die neue Wachkomadiskussion und die fortschreitenden Möglichkeiten der Hirnforschung auch die bisherigen Annahmen über den Hirntod in einem anderen Licht? Auch der Hirntod beruht auf dem biomedizinischen Menschenbild. Hirntod bedeutet das irreversible und vollständige Versagen des Gehirns. Damit sei dem Menschen jede Möglichkeit zu einer »personalen Identität« genommen, so die Begründung. Um das Konzept des Hirntodes und seine Gleichsetzung mit dem menschlichen Tod wurde in Deutschland im Zuge der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes im Jahre 1997 vehement diskutiert. Die Befürworter der Definition des Hirntodes als Tod eines Menschen hatten sich damals durchgesetzt. Kulturwissenschaftlich betrachtet hat damit eine Verschiebung der Grenze zwischen den Lebenden und den Toten stattgefunden. Zum ersten Mal gilt nun bei uns ein Mensch bei »lebendigem Leib« als verstorben.
Ein wichtiges medizinisches Argument für den Hirntod als Tod eines Menschen war die Annahme, dass das Gehirn das zentrale integrative Organ des Körpers sei. Man ging davon aus, dass ohne das Funktionieren des Gehirns der Körper eines hirntoten Patienten trotz intensivmedizinischer Maßnahmen nur für eine kurze Zeit in diesem Zustand gehalten werden kann, bevor er tatsächlich im bekannten Sinne stirbt. Dies ist heute widerlegt: Menschen im Hirntod, die weiterbehandelt werden, können zum Teil über Jahre in diesem Zustand gehalten werden.
Dieses bisherige neurologische Kriterium für den Hirntod erwies sich als unzureichend. Vor einem Jahr rang die US-Regierung um eine neue Begründung, den Hirntod dennoch als Tod des Menschen zu definieren. Nun wird argumentiert, dass hirntote Patienten kein »organismisches Ganzes« mehr seien. Ihnen fehle die Fähigkeit, mit der Außenwelt zur Selbsterhaltung in einen dynamischen Austausch zu treten – wie zum Bespiel beim Atemimpuls zur Sauerstoffaufnahme. Deshalb hätten sie als tot zu gelten. Kritiker wiederum fragten skeptisch an, warum nur die Interaktion mit dem Außen zur Selbsterhaltung als Zeichen des Lebens gesehen werden kann – und nicht auch die »innere Arbeit«, die der Körper eines Hirntoten zur Selbsterhaltung leiste.
Wie man den Hirntod einschätzt und welche Schlussfolgerungen man aus seiner Diagnose zieht war nie eine rein medizinische Frage, sondern berührte immer auch philosophische, weltanschauliche und ethische Fragen. Die der Öffentlichkeit präsentierten Gewissheiten erweisen sich innerhalb der Fachwelt als sehr viel ungewisser. Die Festlegung des Hirntodes als Todeszeitpunkt des Menschen ist deshalb so wichtig, da nur toten Patienten lebenswichtige Organe zu Transplantationszwecken entnommen werden dürfen. So steht hier das Leben der Organempfänger der letzten Sterbephase und dem Tod der Spender gegenüber. Diese haben jedoch einen unveräußerbaren Wert für sich und sollten mit unverstelltem Blick geprüft werden.
Über Dr. disc. pol. Vera Kalitzkus
Vera Kalitzkus, Jahrgang 1968, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der privaten Universität Witten/Herdecke. Sie studierte Ethnologie, Vergleichende Religionswissenschaft und Interkulturelle Didaktik an der Universität Göttingen und der University of California Santa Barbara, USA. Im Rahmen des DFG-Forschungsprojektes »Verwandtschaft und Humantechnologie« (Institut für Ethnologie, Universität Göttingen) forschte sie zum Thema Organtransplantation aus Sicht direkt Betroffener. Unter dem Titel »Dein Tod, mein Leben. Warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken« hat sie ihre Erkenntnisse jüngst in einem Sachbuch zur Transplantationsmedizin für eine breite Öffentlichkeit aufgearbeitet.
Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Ethik in Wissenschaft und Wirtschaft"
Bisherige Beiträge: 7
Re: Wachkoma und Hirntod – Was wissen wir über die Grenzbereiche menschlicher Existenz?
Mirjam Maywald (registriertes Mitglied)
26.08.10, 08:55 Uhr
Gelöscht auf Wunsch des Nutzers
N. N. (Gast)
08.12.09, 11:57 Uhr
Re: Wachkoma und Hirntod – Was wissen wir über die Grenzbereiche menschlicher Existenz?
B. B. (registriertes Mitglied)
07.12.09, 12:01 Uhr
Re: Wachkoma und Hirntod – Was wissen wir über die Grenzbereiche menschlicher Existenz?
caterina ehlers (registriertes Mitglied)
05.12.09, 14:51 Uhr
Gelöscht auf Wunsch des Nutzers
N. N. (Gast)
05.12.09, 13:05 Uhr




