Tagebuch-Eintrag
Mut zur elterlichen Erziehung statt Schule total!
Kinderleicht sparen? Weil der vernünftige Umgang mit Geld vielen Erwachsenen schwerfällt, will die britische Regierung nun wenigstens den Schülern beibringen, womit sie während der Finanzkrise selbst Schwierigkeiten hatte: »Ab 2011 sollen Schüler ab der ersten Klasse in einem Pflichtfach alles über Sparen, Schulden, Kredite und Bankkonten lernen«, meldet HEISE.de. Und INVESTMENT.COM ergänzt: »Der Anlass für diese Maßnahme dürfte der hohe Verschuldungsgrad der britischen Konsumenten sein«. Auch hierzulande wird immer häufiger über die Einführung sogenannter Bindestrich-Fächer wie Finanz-Erziehung oder Volksmusik-Kunde diskutiert. Doch Schule kann nicht alles leisten, meint der Oberstudiendirektor und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus im Tagebuch.
Schlagwörter: Erziehungsansprüche, Erziehungsgeschäft, Nachhilfemarkt, pädagogisches Bewusstsein, Pflichtfach, Schule total, Tagebuch, Vorbild
Zwei Merkmale kennzeichnen die aktuelle Debatte um Bildung: ein überhitzter Alarmismus und ein schulpolitischer Machbarkeitswahn. Alarmismus, wohin man schaut: Die heutige Jugend ist die schlechteste; die motorisch unbeweglichste; die dickste, die nach Drogen, Alkohol, Computer und Gewalt süchtigste; die kaufrauschigste; die am meisten verschuldete; die umweltschädlichste; kurz: die öde, tröge, schnödeste Jugend seit Menschengedenken. Dagegen helfen offenbar nur Patentrezepte. Entsprechend inflationär greifen sie denn um sich - die Vorschläge, mit denen alles machbar sein soll, wenn nur der Staat (sprich: die Schule) massiv genug eingreift. Jedenfalls vergeht kaum ein Tag, an dem nicht immer neue Schülerfächer reklamiert werden: Freizeit-, Konsum-, Verbraucher-, Gesundheits-, Umwelt-, Medien-Kunde. Gefordert werden ferner Schuldner- und Rentenberatung, ja ein Fach Benimm-Unterricht und ein Fach Familien-Kunde. Eine frühere Bundesministerin meinte gar, mit letzterem Fach ließe sich die Scheidungsrate verringern. Aber ganz praktisch gedacht: Wenn Schule all dies - gar im Rahmen eigener Fächer - leisten soll, dann bleibt eigentlich keine Zeit mehr für so belanglose Fächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch, Physik usw..
Ernsthaft wieder: Schule droht bei Verwirklichung all dieser Rundum-Erziehungsansprüche zur größenwahnsinnig übersteigerten Schule, zur Schule total zu werden. Damit geraten wir aber mehr und mehr in eine paradoxe Situation: Während das Bildungsgeschäft immer mehr privatisiert wird (siehe private Schule und Hochschulen, Nachhilfemarkt, Studiengebühren), wird das Erziehungsgeschäft immer mehr verstaatlicht. Zudem greifen die immer neuen schulischen Bindestrich- und Segment-Pädagogiken zu kurz. Schule ist als gesamtgesellschaftliche Besserungsanstalt und Problementsorgungsdeponie maßlos überfordert. All die genannten schlauen Forderungen sind auch nicht Ausdruck eines wachen schulpolitischen oder pädagogischen Bewusstseins, sondern Symptom einer fortschreitenden Entmündigung und Bevormundung unserer Familien.
Leider merken viele Mütter und Väter dies gar nicht; stattdessen haben sie es zu Hause gerne bequem mit ihren Kindern: Die Erziehungsarbeit sollen doch bitte die staatlich geprüften Besserwisser in der Schule machen. Dann muss bei mir zu Hause, wenn ich sonst ein Nein sagen müsste, kein Haussegen schiefhängen.
Gerade aber für die Erziehung der Kinder gilt Erich Kästners Empfehlung: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Es ist dies übrigens die einzige Pflicht, die das Grundgesetz Eltern auferlegt: »Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.« So heißt es in Artikel 6 des Grundgesetzes. Ein gutes elterliches Vorbild abzugeben gehört zu diesen Pflichten. Dann kann man sich alle Verrenkungen sparen, wie sie jetzt etwa die Engländer bereits für Fünfjährige (!) mit einem Pflichtfach »Sparen, Schulden, Kredite, Banknoten« vollführen möchten. Solche Erziehung muss zu Hause beginnen. Hier finden die entscheidenden Prägungen statt. Alles andere ist Feigenblattpädagogik und Schaufensterpolitik.
Über Josef Kraus
Josef Kraus, Jahrgang 1949, Diplom-Psychologe, ist Oberstudiendirektor an einem bayerischen Gymnasium und ehrenamtlich Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), der 160.000 Mitglieder starken Dachorganisation der Bundesverbände der Philologen, der Realschullehrer sowie der Lehrer an beruflichen und an Wirtschaftsschulen. Viel Beachtung fanden seine Bücher »Spaßpädagogik - Sackgassen deutscher Schulpolitik« (1998 und 2000), »Der PISA-Schwindel« (2005) und aktuell sein Buch »Ist die Bildung noch zu retten? - Eine Streitschrift« (2. Auflage im Januar 2010). Im März 2009 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
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Re: Mut zur elterlichen Erziehung
Lars Galtung (registriertes Mitglied)
23.07.10, 15:06 Uhr
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