Tagebuch-Eintrag
Mann und Frau sind ein Paar
Nina Baur kommentiert den Artikel in der ZEIT, der unter der Überschrift »Wir brauchen einen neuen Feminismus« die Debatte um die Geschlechterbeziehungen erneut aufgreift. Darin äußern 15 mehr oder weniger bekannte Frauen ihre Ansichten zum Stand der Emanzipation in Deutschland. So fordert die Autorin Alexa Hennig von Lange in dem Interview: »Eine neue Frauenbewegung muss also auch die Zukunft des Mannes bedenken. Denn Männer und Frauen sind aufeinander angewiesen.«
Schlagwörter: Tagebuch
Abseits von Single-Börsen und Klageliedern über den »Zerfall der Familie« verbringen die meisten Deutschen den größten Teil ihres erwachsenen Lebens in einer festen heterosexuellen Beziehung. Es tobt kein Geschlechterkampf, sondern Mann und Frau sind ein Paar. Sie sind verbunden durch Liebe, Sexualität und gegenseitige emotionale Unterstützung. Sie bilden aber auch eine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft, in der Hausarbeit geleistet, Kinder erzogen, ältere und kranke Familienangehörige gepflegt werden und Geld verdient wird.
Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau innerhalb der Partnerschaft hängt von individuellen Lebensvorstellungen, aber auch vom Sozialstaat und Arbeitsmarkt ab.
Die Bedingungen für funktionierende Partnerschaften werden durch die Regeln des Arbeitsmarktes seit Ende der 80er immer mehr erschwert. Hierzu zählen generell hohe Arbeitslosigkeit, geringere Beschäftigungssicherheit, längere Arbeitszeiten, höhere berufliche Mobilität, Reallohnsenkungen bei höheren Ausgaben. Von diesen Faktoren ist vor allem die jüngere Generation betroffen.
Für den Erhalt des Sozialstaates sind mehr Kinder erforderlich. Vor diesem Hintergrund sind Kinder also kein Privatvergnügen. Die Gesellschaft bietet aber jungen Frauen und Männern nicht ausreichend Möglichkeiten dieser sozialen Verantwortung nachzukommen: Kinder bekommt man am besten in dem Alter, in dem man in Bildung und Karriere investieren sollte. Kinder und Karriere - dies alles unter einen Hut zu bekommen, überfordert viele Paare angesichts der Arbeitsmarktlage.
Wenn wir also unsere bisherigen Sicherungssysteme erhalten wollen, brauchen wir mehr Kinder und müssen weg von dem Gedanken, dass für die Kindererziehung allein die Mütter verantwortlich sind. Damit sich junge Paare für Kinder entscheiden, brauchen sie mehr Unterstützung von Politik, Wirtschaft und (älteren) Privatpersonen mit viel Zeit. Eine Alternative wäre die Umstellung unserer Sozialversicherungssysteme komplett auf eine individuelle Vorsorge über den Markt. In diesem Fall wären alle Klagen über Kinderlosigkeit und geringe Geburtenraten, die an die jüngere Generation adressiert sind, unangebracht: Kinder wären dann wirklich eine reine Privatsache.
Über Dr. Nina Baur
Nina Baur (32) ist ab Oktober 2006 Juniorprofessorin für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Technischen Universität Berlin. Sie befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Arbeitsmarkt, sozialer Sicherung und Geschlechterbeziehungen und hat im Frühjahr 2006 eine Studie zum »Bild des Mannes in der Gesellschaft« abgeschlossen.
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