Tagebuch-Eintrag
Weltmeister am Rand
Heute Mittag findet in Dortmund das erste Halbfinale der »Fußball-WM der Menschen mit Behinderung« statt. Deutschland ist Favorit im Spiel gegen die Niederlande, ein Match, dem leider nur Eingeweihte entgegenfiebern. Denn die Berichterstattung von diesem Turnier ist äußerst dürftig, findet der Journalist Stephan Bartels. Deshalb kommentiert er auch keinen bestimmten Artikel, sondern das seltsame Fehlen eines flächendeckenden Medieninteresses.
Schlagwörter: Tagebuch
Es muss kurz vor dem Russland-Spiel gewesen sein, Mitte letzter Woche. Zum ersten Mal in meinem Leben las ich von einer »Fußball-WM der Menschen mit Behinderung«, in einer kleinen Randnotiz einer Tageszeitung, die auf die Bedeutung des Kicks für die deutsche Mannschaft hinwies. Ich war verwirrt: Wieso wusste ich davon nichts? Ich bin in Sachen Fußball ziemlich umfassend informiert, schaue jedes Live-Spiel im Fernsehen an (sogar die ewig öden Zweitliga-Kicks am Montagabend), bei der Kombination der Begriffe »WM« und »Fußball« vergesse ich in der Regel, dass es ein Leben neben dem Fußball gibt.
Ein paar Minuten der Internetrecherche später war klar: Ich konnte nichts wissen. Die Zeitungen bedachten dieses Ereignis mit gütigem Desinteresse. Mal ein deutsches Ergebnis in der Randspalte im Sport, das war’s. Keine Porträts, kein Hintergrundbericht, jedenfalls nicht außerhalb Nordrhein-Westfalens, wo der WDR die deutschen Spiele live überträgt. Immerhin half mir das Internet weiter – ich erfuhr, dass dies schon die vierte Behinderten-WM ist. Die vierte! Von den Turnieren eins bis drei habe ich nie gehört. Ich erfuhr, dass nur Spieler mit einem IQ unter 75 zugelassen sind, dass Bundestrainer Willi Breuer der Entdecker von Lukas Podolski ist und die Trainer-Licht und Trainer-Schatten-Gestalt Christoph Daum sich als sein Assistent betätigt.
Das ist spektakulär, finde ich. Interessant. Anders. Darüber will ich mehr lesen, nicht eine ganze Seite darüber, welchem HSV-Profi gerade mal wieder das Syndesmoseband zwickt. Ein Satz in der »Hamburger Morgenpost« verriet am Freitag nüchtern den 1:0-Sieg über Russland, mehr gab es auch nicht auf Spiegel Online, meiner persönlichen Informationsquelle Nummer 1. Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Abgesehen vom sportlichen Aspekt, die eine WM immer interessant macht: Hier findet ein außergewöhnliches gesellschaftliches Ereignis statt, das Menschen in den Mittelpunkt rückt, die dort in der Regel nicht stehen. Aber so richtig nun auch wieder nicht. Diese WM wird versteckt in Tageszeiten, zu denen das Land anderes zu tun hat. Das Halbfinale steigt an einem Dienstag um viertel nach zwölf. Und abends ist Champions League.
Schade, denn ordentlichen Fußball spielen die Jungs auch noch. Das überlegene 9:0 im Viertelfinale gegen Frankreich habe ich im WDR live gesehen. Kann gut sein, dass Deutschland am Samstag Weltmeister wird. Es wäre wahrscheinlich eine weitere Meldung für die Randspalten am Montag, die Mitte ist vergeben, ist ja schließlich Bundesliga am Wochenende. Aber einer der Herren wird demnächst die verdiente Aufmerksamkeit bekommen: Kapitän Guido Skorna hat mit dem letzten Tor gegen Frankreich (eine wunderbare Bogenlampe von der Seitenauslinie in den Winkel) definitiv das Tor des Monats geschossen. Das kann man nicht ignorieren, das wird diesmal auch einem Millionenpublikum mitgeteilt werden, zur besten ARD-Sportschauzeit, landesweit, zwischen Poldi und Klose und Rafael van der Vaart. Ich freue mich drauf.
Über Stephan Bartels
Stephan Bartels, geboren 1967 in Hamburg, ist Absolvent der renommierten Henri-Nannen-Schule für Journalisten. 1998 wurde er Redakteur im Kulturressort der BRIGITTE. Seit Januar 2000 arbeitet Bartels als freier Autor und Journalist. Er schreibt für den »Stern« und »Die Zeit«, bei der BRIGITTE macht er immer noch die Musikseite – neben Porträts, Reportagen, Reise- und Psychogeschichten. Außerdem ist der 38-Jährige ein Fußballverrückter: 30 Jahre hat er selbst gespielt, jetzt steht er nur noch am Rand, wenn sein Sohn oder derFC St. Pauli spielen. Im Sommer wurde für ihn ein journalistischer Traum wahr: Er durfte für die BRIGITTE in einem Weblog von der Weltmeisterschaft berichten, direkt aus den Stadien. Stephan Bartels lebt mit Frau und Kind in Hamburg.
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