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Tagebuch-Eintrag

2006
01
Nov

Die bösen Veganer

Sina Walden, Publizistin und Autorin

Hier steht ein Foto von Sina Walden

Zum Weltvegantag bezieht sich Sina Walden in ihrem Kommentar auf die gemeinsamen Anstrengungen und Proteste von Tierfreunden, Bürgerinitiativen und Prominenten gegen »Die Mega-Schweinefabriken in Ostdeutschland«. Der gleichnamige Titel bezeichnet eine Dokumentation des ARD-Magazins BRISANT, die sich auf Recherchen des Vereins DIE TIERFREUNDE stützt. Die Aufnahmen zeigen den grausamen Alltag der Tiere in den High-Tech Tierfabriken von Großinvestoren, die vor allem aus Holland kommen. Angelockt von Subventionen aus dem Solidarpakt II, »sind Anlagen in Haßleben mit 85.000 Schweinen geplant, in Allstedt mit 55.000 Schweinen, in Mahlwinkel mit 87.000 Schweinen. In Alt-Tellin soll die größte Schweinezucht Europas entstehen, in der jährlich 250.000 Ferkel erzeugt werden sollen.«

Schlagwörter: Tagebuch

Eine Zufallsumfrage auf deutschen Straßen würde vermutlich ergeben, dass die meisten Leute dem Wort »vegan« nur falsche oder vage Bedeutungen zuordnen können. Die teils oberflächliche, teils infame Wahrnehmung der in Deutschland noch jungen veganen Bewegung durch die Medien scheint dazu angetan, »die Veganer« mit Fleiß misszuverstehen.

Veganismus ist keine bloße Ernährungsform, auch keine Gesundheitslehre, keine asketische Sekte und keine Esoterik, sondern eine Lebensweise, die in der Überzeugung wurzelt, dass Tiere nicht zum Gebrauch durch Menschen auf der Welt sind. So leicht sich das sagt - die Konsequenzen dieser Erkenntnis sind ungeheuer. Sie greifen, in die Praxis umgesetzt, in fast alle Lebensbereiche ein. Dass die Ernährung dabei eine herausragende Rolle spielt, liegt auf der Hand, wenn man bedenkt, dass nahezu alle Lebensmittel aus Tierkörpern gewonnen oder mit tierlichen Produkten versetzt sind. Aber »die« Veganer, die nicht organisiert und keinem Reglement unterworfen sind, sondern sich nur in losen Gemeinschaften, bei Veranstaltungen oder durch das Internet miteinander austauschen, gehen weit darüber hinaus. Sie vermeiden, unterlaufen und bekämpfen Tierausbeutung auf allen Gebieten, jeder und jede auf eigene Art. Ihre Zahl wird nach neueren Studien auf etwa eine Viertelmillion geschätzt.

Natürlich gibt es Richtungsstreitigkeiten, vor allem über die Wege, Nah- oder Fernziele zu erreichen. Gemeinsam ist allen nur das Bemühen, in ihrem persönlichen Alltag die Abwendung von der uralten Tyrannei der Menschen über die Tiere umzusetzen. Sie üben die Praxis ein, die logisch aus den im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts weltweit aufgebrochenen und stetig wachsenden Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegungen folgt.

Die neuen Ansätze in der Tierethik haben längst auch die akademische Philosophie erreicht, in geringerem, jedoch zunehmenden Maß auch andere Disziplinen wie Soziologie oder Psychologie - nicht aber die Massenmedien. Da die Fülle der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte über Bewusstsein, Erlebnisfähigkeit und psychische Vorgänge bei Tieren, insbesondere Säugetieren und Vögeln, auf Dauer nicht zur Seite geschoben werden kann, wird sich die moralische Haltung und das von archaischen, vorrationalen Vorstellungen (und von blankem Egoismus) bestimmte Verhalten des Menschen zu seinen Mittieren zwingend ändern müssen. Die bösen Veganer und Veganerinnen leisten Vorarbeit für eine Gesellschaft, die nicht länger nackte Gewalt und schweres Unrecht an ihren nahen Verwandten als »natürliche« Basis ihres Mittagessens, ihrer Gesundheit, ihrer Freizeitgestaltung ansieht - und die ihr Selbstverständnis als humane, rationale, zivilisierte Höchststufe der Menschheitsentwicklung nicht unter Ausblendung der Leiden bezieht, die sie frohgemut und ohne schlechtes Gewissen Millionen, Milliarden fühlender Lebewesen täglich zufügt. Der Weltvegantag sollte ein Anlass sein, sich ernsthaft mit den Gedanken und Fakten auseinanderzusetzen, die Menschen zu einem veganen Leben führen, das sich nicht auf Kosten anderer zu entfalten sucht.

Über Sina Walden

Sina Walden lebt als freie Publizistin in München und Italien. Nach abgeschlossenem Jurastudium und nicht ganz abgeschlossenem, aber intensivem Literaturstudium in Zürich ist sie u. a. als Fernsehautorin, Essayistin, Journalistin, Übersetzerin und Rechtsberaterin tätig. Ihr Buch »Endzeit für Tiere« (Rowohlt) erschien als erste Frucht ihrer Aktivitäten an der Basis der Tierrechtsbewegung und der Beschäftigung mit den Fragen der Tierethik, die heute zum zentralen Thema ihrer Arbeit geworden ist. Einzelne Texte sind bei animal-rights.de und im Tierrechtsmagazin »Tierbefreiung« nachzulesen.


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