Tagebuch-Eintrag
Klein, kleiner - nano!
Gastkommentatorin Monika Hielscher macht sich Gedanken über »Winzige Helfer in Ketchup und Lack«. Gemeint sind Nanopartikel, die in immer mehr Produkten des täglichen Bedarfs enthalten sind. »Deren neuartige Eigenschaften machen sie interessant, doch ist über mögliche Risiken bislang wenig bekannt«, gibt das HAMBURGER ABENDBLATT zu bedenken. Demnach finden sich Nanopartikel bereits in Kosmetika, in Lacken, Klebstoffen und sogar in Lebensmitteln. Der Haken dabei: »Der Verbraucher kann derzeit nicht frei entscheiden, ob er Produkte mit oder ohne Nanopartikel kaufen möchte. Deswegen sprechen sich die deutschen Nanotechnologie-Kompetenzzentren seit einiger Zeit für die Einführung eines einheitlichen Logos für Produkte mit Nanotechnologie aus«.
Schlagwörter: Tagebuch
Für alle Star Trek-Fans sind Nano-Sonden, wie sie im Blut von »Seven of nine« - einer ehemaligen Borg-Drohne - frei fluktuieren, ein alter Hut. Für mich ist der Umstand, dass etlichen Nahrungsmitteln und Körperpflegemitteln winzige Nanopartikel beigemischt sind, allerdings befremdlich und beunruhigend. Da diese freundliche Beigabe nicht kennzeichnungspflichtig ist, habe ich beim wöchentlichen Großeinkauf im Supermarkt keine Chance, zwischen nanopartikelfreien und nanopartikelhaltigen Produktion zu wählen. Widerstand ist zwecklos: ich werde assimiliert! Die Lebensmittelmultis jubeln mir Partikelzwerge unter, von denen heute niemand mit Gewissheit sagen kann, was sie in mir anrichten.
Nanopartikel sind nur wenige Millionstel Millimeter klein. Sie dringen in Gewebe und Organe und können - da sie problemlos die Blut-Hirn-Schranke überwinden - sich auch im Gehirn ablagern. Siliziumdioxid macht Ketchup fließfähiger, Titandioxide sorgen dafür, die Farbe von Dressings und Dipps aufzuhellen. Schokolade läuft bei Wärme nicht mehr unansehnlich an, wenn sie mit Nanopartikeln überzogen wird. Weltweit sind 150 mit Nanopartikeln versetzte Nahrungsmittel im Handel und täglich kommen neue dazu.
Rob Aitken vom britischen Institut für Arbeitsmedizin fordert eine umfassende Risikobewertung: »Wir benötigen noch viel mehr Information«. Er schätzt, dass es noch »mindestens ein Jahrzehnt« dauern wird, bis ausreichend Daten über mögliche unerwünschte Effekte auf Mensch und Umwelt vorliegen. So lange aber kann ich meinen Wocheneinkauf nicht aufschieben: ich kann nur hoffen, dass die Wissenschaftler des Forschungszentrums Karlsruhe mit ihrem Projekt NanoCare die Risiken bald abschätzen können, zu Ergebnissen kommen und diese auch umgehend den Verbrauchern zugänglich machen. Ob das den Nano-Hype aufhalten wird?
Ich stehe vor einer Auswahl amerikanischer Ketchup-Sorten und überlege. Warum eigentlich? Die bereits auf dem Markt befindlichen Lebensmittel werden nicht aus dem Regal genommen. Widerstand ist zwecklos.
Über Monika Hielscher
Monika Hielscher, Gesellschaftswissenschaftlerin, Diplom-Pädagogin, Kunsterzieherin, tätig als Autorin und Regisseurin für Dokumentarfilme (Zeitgeschichte, Wissenschaft, Gesellschaftspolitik, Entwicklungspolitik).
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