Tagebuch-Eintrag
Trojaner am Colorado River
André Spiegel kommentiert die »Trojaner in der Mail vom Amt«: Die Polizei soll Schnüffelsoftware künftig per elektronischer Amtspost verschicken dürfen. Das legen interne Papiere des Innenministeriums nahe. »In begründeten Ausnahmefällen«, schreibt die TAZ, könne das Bundesinnenministerium den so genannten Bundestrojaner auch als getarnte Behörden-E-Mail an Verdächtige verschicken. Mit dem Trojaner will das Innenministerium private Computer ausspionieren und die Schnüffelsoftware als gefälschte Behördenpost bei der »Zielperson« einschleusen. Datenschützer, Computer-Cracks und Informatiker indes befürchten, dass die Funktionalität von »Trojanischen Pferden« von den Entwicklern der Bundesregierung nicht überblickt werde, da sie die digitale Sicherheit der Bundesbehörden selbst nicht wahren könnten. Medienberichten zufolge »schnüffeln sich Chinas Geheimdienste durch die Festplatten deutscher Ministerien«. Erst unlängst wurden auf Computern in verschiedenen Ministerien und im Kanzleramt Spionageprogramme entdeckt wie DEUTSCHE WELLE WORLD berichtet.
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Was die Sicherheit von Computersystemen betrifft, befinden wir uns noch immer im Wilden Westen. Die Technologie ist so jung und verändert sich so rapide, dass nicht das geschriebene Recht regiert, sondern nur ein einziges Gesetz: Das Recht des Schlaueren. Ein Terrorist, der so dumm ist, auf eine gefälschte Behördenmail hereinzufallen und so die Verwanzung seines eigenen Computers ermöglicht - Pech gehabt. Eine Regierung, die über Bundestrojaner nachdenkt, und sich gleichzeitig Trojaner aus China auf den eigenen Rechnern einhandelt - schon fast Slapstick. Dabei sind die Sicherheitslücken, die von diesen Spionageprogrammen ausgenutzt werden, durchaus kein Naturgesetz. Sie resultieren vor allem aus der monopolistischen Verbreitung des Betriebssystems Windows von Microsoft, einer Plattform, die für ihre notorischen Sicherheitsprobleme bekannt ist. Der Billy-the-Kid des Informationszeitalters braucht nur einen MacOS- oderLinux-Rechner zu benutzen und muss sich dann weder über Computerviren, noch über den Bundestrojaner größere Sorgen machen.
Doch die Behörden lernen dazu. Je weniger ihnen der Zugriff über Tricks aus der Schmuddelkiste gelingt, desto mehr werden sie versuchen, die Hersteller zum Einbau »offizieller« Hintertüren in ihre Geräte zu bewegen. Und gleichgültig auf welchem Weg ihnen schließlich der Weg in den PC eines Verdächtigen gelingt: Die Online-Durchsuchung stellt einen sehr viel drastischeren Eingriff in die Privatsphäre dar als das Mithören von Telefongesprächen oder das staatliche Öffnen privater Post. Wenn jeder Tastendruck eines Verdächtigen mitprotokolliert wird, jedes Bit auf seiner Festplatte durchforstet werden kann, ist das eine viel umfassendere Form der Überwachung, als wir sie heute kennen. Es kommt hinzu, dass die Online-Durchsuchung nicht an den physischen Einsatz von Beamten und Ressourcen vor Ort gebunden ist, sondern immateriell über das Netz erfolgt. Die Zahl solcher Durchsuchungen ließe sich darum viel leichter ausweiten, und die Möglichkeit des Missbrauchs nähme zu.
So viel Macht in den Händen des Staates sollte jeden verantwortlichen Bürger misstrauisch machen. Computer und Internet haben dem Individuum Möglichkeiten in die Hand gegeben, die vor zehn oder zwanzig Jahren noch völlig undenkbar waren. Sie könnten aber auch den Staat mit Werkzeugen ausstatten, die seine Macht unversehens vervielfachen.
Im Wilden Westen passieren manch kuriose Dinge. Es ist aber auch die Zeit, in der die Weichen für die Gesellschaft der Zukunft gestellt werden, wenn die Rauchenden Colts der Pioniere Geschichte sein werden. Es gilt, wachsam zu sein, dass die Bürgerrechte nicht unter die rotierenden Wagenräder geraten.
Über Dr. André Spiegel
Dr. André Spiegel, Jahrgang 1969, ist Informatiker und arbeitet als freier Programmierer, Berater, Autor und Dozent. Er ist seit vielen Jahren in der »Open-Source-Bewegung« aktiv und setzt sich mit den politischen Aspekten der Informationstechnik auseinander. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch »Die Befreiung der Information« bei Matthes & Seitz Berlin.
Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Datenschutz & Privatsphäre"
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Re: Trojaner am Colorado River
Dr. DAU (Gast)
02.11.07, 16:08 Uhr
Re: Trojaner am Colorado River
wahrheit Wahrsager (registriertes Mitglied)
01.11.07, 19:40 Uhr
Re: Trojaner am Colorado River
Thomas Freyer (registriertes Mitglied)
11.10.07, 14:24 Uhr
Re: Trojaner am Colorado River
David Trieplatz (Gast)
01.10.07, 15:31 Uhr
Re: Trojaner am Colorado River
Daniela Wegener (Gast)
05.09.07, 17:50 Uhr




