Tagebuch-Eintrag
Lokführerstreik: Wahnsinn oder neue Streikkultur?
Reinhard Bispinck kommentiert den »größten Streik in der Bahngeschichte«, an dem sich nach Gewerkschaftsangaben vom Freitag insgesamt 6230 Lokführer und Zugbegleiter beteiligt haben. Obwohl der Bahnstreik Kunden, Wirtschaft und Autofahrer nervt, »zeigt die Bevölkerung im Moment noch mehrheitlich (54 Prozent) Verständnis für die Forderung der Lokführer nach höheren Löhnen«, weiß die FRANKFURTER ALLGEMEINE mit Bezug auf eine aktuelle Allensbachumfrage. Inzwischen rollen die Züge wieder. Der vorläufige Fahrplan: »Kein neuer Streik bis Montag - unbefristeter Ausstand möglich«.
Schlagwörter: Tagebuch
»Beenden Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell!«. Mit ganzseitigen Anzeigen in vielen Tageszeitungen versucht die Deutsche Bahn zum wiederholten Mal die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu ziehen. Doch die will offensichtlich nicht so, wie Herr Mehdorn möchte. Eine aktuelle Umfrage aus den letzten Tagen hat ergeben, dass immer noch 54 Prozent der Befragten Verständnis für den Streik der Lokführer haben. Mehrheitlich sehen die Befragten die Verantwortung beim Bahnvorstand und nicht bei der Gewerkschaft.
Zweifellos sind viele Pendler genervt – aber eine kollektive Empörung über den »Wahnsinn« der Lokführer will sich offenkundig nicht einstellen. Eher macht sich Respekt breit, weil die Lokführer nicht klein beigeben und konsequent bei ihren Forderungen bleiben: Mehr Geld, bessere Arbeitsbedingungen und einen eigenen Tarifvertrag!
Aber wie geht es weiter? Droht ein Tarifchaos bei der Bahn? Liegt die Zukunft in der Zersplitterung von Gewerkschaften und Tariflandschaft? Ich glaube weder noch. Die Beispiele der Piloten und der Krankenhausärzte zeigen: Eigene Tarifverträge sind möglich und auch praktikabel. Im Übrigen: längst nicht überall sind die Voraussetzungen für erfolgreiche Berufsgewerkschaften gegeben.
Für ver.di und Transnet gilt: Das Erstarken der Berufsgewerkschaften – wie jetzt bei der GDL – ist immer auch das Ergebnis von Unzufriedenheit und ein Stück praktischer Kritik an der Tarifpolitik der großen Gewerkschaften. Diese müssen prüfen, wie sich die Interessen der unterschiedlichen Berufsgruppen bündeln und in gemeinsame Tarifverträge umsetzen lassen. Und die GDL sollte überdenken, ob es nicht strategisch klug wäre, wieder zu einem kooperativen Wettbewerb mit den anderen Bahngewerkschaften zurückzukehren.
Ein Positives hat der Arbeitskampf der Lokführer bereits jetzt erreicht: Gerade weil so viele von ihm betroffen sind, ist der Streik als demokratisches Grundrecht erstmals wieder einer breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden. Ob daraus eine neue Streikkultur wird, bleibt abzuwarten.
Über Dr. Reinhard Bispinck
Reinhard Bispinck, geboren 1951. Der studierte Volkswirt und Soziologe arbeitet beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in Düsseldorf. Dort beobachtet und analysiert er seit vielen Jahren die tarifpolitische Entwicklung in Deutschland. Er betreut ebenfalls die Internetseite lohnspiegel.de über die tatsächlich gezahlten Löhne und Gehälter in Deutschland.
Neueste Beiträge dazu im Themenforum "Wirtschaft & Arbeit"
Bisherige Beiträge: 213
Re: Lokführerstreik: Wahnsinn oder neue Streikkultur?
Michael Fülleisen (Gast)
19.01.08, 09:36 Uhr
Re: Lokführerstreik: Wahnsinn oder neue Streikkultur?
Leo Wolf (registriertes Mitglied)
19.01.08, 00:48 Uhr
Re: Die Aussagekraft der Marx´schen Theorien im Jahr 2008 christlicher Zeitrechnung! II.
Michael Fülleisen (Gast)
06.01.08, 14:59 Uhr
Re: Die Aussagekraft der Marx´schen Theorien im Jahr 2008 christlicher Zeitrechnung! II.
Jürgen Wieloch (registriertes Mitglied)
06.01.08, 12:52 Uhr
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N. N. (Gast)
05.01.08, 13:21 Uhr




