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Tagebuch-Eintrag

2007
24
Nov

Kinderschutz ist nationale Aufgabe

Georg Ehrmann, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe Direkt e.V.

Hier ist Georg Ehrmann abgebildet

Der Tod eines vernachlässigten Mädchens in Schwerin hat die Debatte über Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen und bessere Kontrollen neu entfacht. Unter der Überschrift »Und keiner kam, um sie zu retten« wird auch im TAGESSPIEGEL kritisiert, »dass die Jugendämter den Hinweisen auf verwahrloste Kinder meist nur ›lasch und routinemäßig‹ nachgingen. Bereits vor einem Jahr soll die Jugendamtsleiterin angemahnt haben, »sie könne nicht garantieren, dass in Schwerin nicht wie in anderen Städten auch ein totes Kind gefunden wird«, weil ihr Amt hoffnungslos unterbesetzt sei. Bei einer Pressekonferenz gestern wollte Schwerins Oberbürgermeister von Schuldzuweisungen nichts wissen - und bot eine befremdliche Interpretation des Geschehens. Gastkommentator Georg Ehrmann plädiert für mehr gesamtgesellschaftliches Engagement auf allen Ebenen.

Schlagwörter: Tagebuch

An Zynismus und Abstumpfung ist kaum zu überbieten, was der oberste Dienstherr des Jugendamtes Schwerin, der Oberbürgermeister Norbert Claussen gestern offenbarte: »Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können, und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt«. Lea Sophie starb qualvoll und wog bei ihrem Tod so wenig wie ein einjähriges Kind – Pech gehabt?

Zutreffend ist nur die Einschätzung, dass dies auch in anderen Städten passieren könnte - passiert ist – passieren wird. Der letzte Fall vor zehn Wochen: der des kleinen Max Luca in Euskirchen (NRW). 10 Tage vor dem Tod des Einjährigen suchten Mitarbeiter des Jugendamtes die Eltern auf, bemerkten eine Kopfverletzung, sahen aber keinen Anlass für weitere Maßnahmen. Dann schlug der Vater den Kleinen tot.

Auch kein tragischer Einzelfall, ein Fall symptomatisch für ein System, das an zwei Dingen krankt:

1. Wir ernten die Früchte rigoroser und unverantwortlicher Sparpolitik. In keinem Bereich wurde so rigoros gespart wie im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe – bei steigender Anzahl von Problemfamilien. 150 Fälle pro Sachbearbeiter die Regel, mehr als 200 Mündel pro Amtsvormund keine Seltenheit, keine Supervision für die völlig überforderte Jugendamtsmitarbeiter, überproportionaler Krankenstand. Hinzu kommt ein systematischer Abbau aufsuchender Hilfsangebote durch Haushaltssicherungsmaßnahmen, der Abbau des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Kürzungen bei den freien Trägern.

2. Wir haben ein echtes Qualitäts- und Mentalitätsproblem in den Jugendämtern. Diese sind auf die Herausforderungen, die durch die massive Steigerung an erziehungsunfähigen Erziehungsberechtigten, in den wenigsten Fällen kann noch von Familien gesprochen werden, die – hier müssen wir klare Worte sprechen – in der Unterschicht entstanden sind, nicht ausreichend eingestellt. Immer noch stehen der Angebotscharakter für Eltern, der Konsensweg, der Dialog im Vordergrund und nicht das staatliche Wächteramt für das Kindeswohl. Vorladungen zu Gesprächen im Amt ohne alle Kinder sind kein tauglicher Indikator, ob eine Kindeswohlgefährdung erfolgt – hier brauchen die Helfer mehr Biss!

Was brauchen wir stattdessen? Wir müssen Verbindlichkeiten in das System einführen. Die Baralimentation muss überdacht werden. Nicht eine Erhöhung von Regelsätzen, Zuschlägen oder Kindergeld lindern Armut und verhindern Exzesse, sondern die Finanzierung familienbegleitender Maßnahmen von der Geburt an sowie der Wiederaufbau der früher funktionierenden aufsuchenden Jugendhilfe vermitteln Erziehungskompetenz und verhindern Überforderung.

Die Politik fordert Pflichtuntersuchungen, ein minimaler Baustein, ein durch die großen Zeiträume zwischen den Untersuchungen, die unzureichende Qualifikation der Ärzte und der fehlenden Vernetzung von Ämtern und Ärzten ohnehin fragwürdiger Ansatz, der am Kernproblem vorbeigeht und eine Placebodebatte auslöst. Wir haben kein Erkenntnisproblem, die Familien sind den Jugendämter bekannt, die Kinder werden dann Fall Nr. 151 und wenn die Jugendhilfe wie in Schwerin, Bremen oder Euskirchen weiterläuft, werden Kinder weiter »Pech« haben. Die Politik muss durch einen nationalen Aktionsplan zum Kinderschutz – analog dem zum Klimaschutz mit den drei Ebenen Bund, Länder und Kommunen – die Strukturkrise anpacken. Wir brauchen kein Frühwarnsystem, wir brauchen ein Frühhilfensystem!

Über Georg Ehrmann

Georg Ehrmann, 40 Jahre, ist geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe Direkt e.V. Nach Studium der Rechtswissenschaften in Bielefeld, Genf und München Tätigkeiten als selbständiger Rechtsanwalt, Justitiar der Kassenärztlichen Vereinigung und Mitgründer der Deutschen Kinderhilfe Direkt e.V., Stiftungsbeirat der Stiftung Hänsel und Gretel gegen sexuellen Missbrauch von Kindern, Beirat der Initiative »Nichtrauchen ist cool in Hamburg«. Georg Ehrmann ist verheiratet und Vater zweier Söhne; die Familie wohnt in Ostwestfalen Lippe.


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Re: Kinderschutz ist nationale Aufgabe

....grubgrab... ... (Gast)
21.05.09, 22:20 Uhr

Re: Kinderschutz ist nationale Aufgabe

Oskar K. (Gast)
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