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Tagebuch-Eintrag

2008
19
April

»Drowning by numbers« oder wie man mit Wallstreet-Testosteron absaufen kann

Dr. Regula Stämpfli, Politische Philosophin, Autorin und Dozentin

Hier ist Doktor Regula Stämpfli abgebildet

Sind Hormone Schuld an den irrationalen Kurssprüngen auf dem von Männern dominierten Börsenparkett? Britische Forscher wollen nun einen Zusammenhang zwischen börsianischer Risikoanlage und der Hormonkonstellation des Anlegers festgestellt haben. Demnach soll Testosteron bei Männern Hartnäckigkeit, Ausdauer sowie die Bereitschaft zu Risiken erhöhen, berichtet DIE WELT unter der Überschrift »Ein Sexualhormon steuert die Börse«. Ein Zuviel davon soll allerdings zu völlig irrationalen Entscheidungen führen - und zu Börsencrashs. Die Folge: »Die Makler werden vorsichtiger und nutzen die in den großen Kurssprüngen steckenden Chancen nicht optimal und verstärken den Negativtrend«. Regula Stämpfli kommentiert das männliche hormonelle Auf und Ab an der Börse.

Schlagwörter: Börse, Männer und Frauen, Testotesteron

Die schmerzhafte Realität sich völlig irrational gebärdender Finanzmärkte erhält mit dieser Studie eine ganz neue Dimension. Good Bye menschliche Verantwortung! Good Bye common sense! Good Bye menschliche Urteilskraft! Nicht Ospel, Milbradt, die Nationalbanken oder falsche ökonomische Anreizsysteme sind für die internationale Finanzkrise mitverantwortlich, sondern biochemisch unausgewogene Körpersäfte! Würde der liberale Staatsrechtler John Locke heutzutage »Zwei Abhandlungen über die Regierung« verfassen, müsste er gemäß dieser Logik aktuell schreiben: »Zwei Abhandlungen zu den Hormonkonstellationen beim Gesellschaftsvertrag«.

Wenn Hormone plötzlich sprechen, verstummen die Menschen und mit ihnen der Rest der Welt! Klar: Weshalb den eigenen Verstand benutzen, wenn das Blut die Steuerung übernimmt? Hätten die Börsianer nur ab und zu Gleichstellungspolitikerinnen aller Länder zugehört, sähe der internationale Finanzmarkt heute nämlich auch anders aus. Seit Jahren schreiben sich kluge Frauen und Männer ihre Finger wund über den Zusammenhang zwischen Gleichstellungspolitik und Konjunkturaufschwung, zwischen Frauenförderung und Demokratie, zwischen Quotenregelung und wirtschaftlicher Stabilität. Doch einfache Logiken haben es gegen alteingesessene Macht schwer. Deshalb boomen Schweden, Finnland und Dänemark während Pakistan, Saudi-Arabien und Jemen keinen Wirtschaftsentwicklungsfortschritt zeigen (außer wachsenden Reichtum durch Erdöl, falls vorhanden). Dass wichtige politische und finanzielle Entscheidungen nicht in erster und ausschließlicher Linie den, kaum dem Pickelalter entwachsenen Jungs, überlassen werden dürfen, ist eigentlich jedem Vernunftswesen klar. Aber nochmals: Mit Vernunft wird heutzutage kaum mehr argumentiert. Oder gehandelt, wie dies die Investionskatastrophen von UBS & Co. zeigen. Deshalb werden auch lieber die Hormone der Börsianer gemessen als über den größeren Zusammenhang zwischen Tun und Lassen nachgedacht. Hurra! »Hormonieren« statt harmonieren ist also in Zukunft gefragt!

Über Dr. Regula Stämpfli

Dr. Regula Stämpfli ist politische Philosophin, Dozentin und Autorin. Ihr neuestes Buch befasst sich mit dem »Blut als ganz besonderen Saft«.


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