Tagebuch-Eintrag
Rechenspiele: der Wert der Nachrichten
Frank Patalong beschreibt das Thema Nachrichtenwert und Nachhaltigkeit an einem Zahlen-Beispiel. Anlass ist die Meldung "Viele Tote bei Luftangriff auf Dorf in Afghanistan" auf Spiegel online.
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Am Montagmorgen um 7.52 Uhr veröffentlichte SPIEGEL ONLINE eine aus nur drei Absätzen bestehende Kurzmeldung. "Viele Tote bei Luftangriff auf Dorf in Afghanistan" hieß die Schlagzeile etwas steif und sehr sachlich. Entnehmen konnte man der Meldung, dass es bei der Bombardierung eines Dorfes, in dem man Taliban-Kämpfer vermutete, geschätzt 50 bis 72 Tote gegeben hatte, von denen so einige wohl Zivilisten waren oder auch nicht.
Nicht, dass solche Feinheiten viele Menschen interessierten. Alle Themen, die von Medien berichtet werden, durchlaufen die gleiche "Karriere": Auf die erhöhte Aufmerksamkeit für ein Thema folgt eine Phase der "ähnlichen Meldungen". Obwohl so gut wie ständig die Erde bebt, Flugzeuge vom Himmel fallen oder Menschen in Massen sterben, sieht es in den Tagen und Wochen nach besonders spektakulären Ereignissen so aus, als sei dies gerade dann ganz besonders der Fall. Schnell aber erlahmt das Publikumsinteresse und erhöht so die "Reizschwelle", die Nachrichten dieser Art dann noch meldenswert macht. Das ist wie im Kino: Auf Action lässt sich nur mit noch mehr Action aufsetzen.
Dass es die Afghanistan-Meldung am Montagmorgen überhaupt bis in die Nachrichtenübersicht schaffte, liegt vor allem daran, dass es Montag war. Viel war in der Welt nicht los: Montenegro hatte sich zwar gerade per Volksentscheid von Serbien freigesprochen, doch um wirklich wichtig zu sein, fehlen der Bevölkerungsstatistik von Montenegro ein paar Nullen.
Auch die Debatte um Ausländerfeindlichkeit vor allem im Osten verlagert sich bereits ins Schein-Intellektuelle: Es geht schon jetzt nicht mehr um Menschen, sondern um Zahlen. In 16 Jahren, rechnet da ein Leser im Forum von SPIEGEL ONLINE auf, habe es gerade einmal acht Tote durch Neonazi-Schläger gegeben. Dagegen kämen jedes Jahr sieben Menschen durch Blitzschlag um: "Werden deshalb gleich dramatische Politikerwarnungen (vor Gewittern) in die Welt gesetzt?"
Das ist - mit Verlaub gesagt - zum kotzen zynisch, es ist aber auch demaskierend: Alles in unseren Köpfen ist eine Gleichung.
Fünfzig bis siebzig tote Afghanen sind nach Nachrichtenkriterien normalerweise mit vier toten Discothekenrasern aus Mecklenburg zu schlagen. Die verschwinden von der Nachrichtenseite, sobald sich im Jemen ein Ex-Staatsdiener kidnappen lässt oder ein SPD-Hinterbänkler nach Kürzungen bei Hartz IV ruft. Die Währung "Tod" leidet zudem unter rapider Inflation, sobald sie zu häufig gebraucht wird. Damit es eine Afghanistan- oder Irakmeldung noch auf die Titelseite schafft, sollten schon Menschenmassen in dreistelliger Höhe sterben. Ausnahme: Unter den Toten befindet sich einer aus Castrop-Rauxel.
Niemand weiß das besser als wir Online-Journalisten. Wir sehen alle 15 Minuten, welche Artikel von wie vielen Menschen gelesen werden. Für 50 bis 72 Tote in Afghanistan interessiert sich übrigens kein Schwein mehr. Deshalb ist jede Form der Medienschelte auch müßig, wenn es um solche Themen geht: Alle Berichterstattung ist immer auch eine Reaktion auf die Nachfragehaltung des Publikums - wir fahren Tandem, Sie da draußen und wir in den Medien, und nicht immer ist klar, wer vorne sitzt. Alle aber wollen informiert werden, aber bitte doch nicht wirklich, denn natürlich sind Nachrichten Teil des täglichen Infotainments.
Und das braucht Abwechslung, weshalb alles am Ende langweilig wird. Dass im Irak allein im April 2006 zwischen 579 und 655 Menschen starben, gut 90 Prozent davon durch Gewehrfeuer, haben auch Sie deshalb nicht erfahren, weil Sie das nicht mehr wollten. Den Artikel über den Bombenangriff auf das Dorf lasen bis zum frühen Nachmittag rund 12.000 Menschen. Die Nachberichterstattung zum Grand Prix vom Samstag hatte es da bereits auf über 1,3 Millionen Seitenabrufe gebracht.
Über Frank Patalong
Frank Patalong, Journalist, Ressortleiter "Netzwelt" bei SPIEGEL ONLINE seit 1999. Vorher: Medienredakteur, Pauschalist, Freier für Print, TV und Radio, Studium der Publizistik. Verheiratet, zwei Kinder.
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