Tagebuch
Im Gesellschafter-Tagebuch verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden.
Wilfried Hautop bezieht sich auf den Artikel "Ein Käsefabrikant in Uruguay" in brand eins. Das Wirtschaftsmagazin stellt in der Rubrik "Mikroökonomie" regelmäßig die kleinste wirtschaftliche Einheit vor- den Mensch: Mit seinem Beruf, seinem Umfeld, dem Land, in dem er lebt.
Ich soll hier meine Meinung sagen, ich dürfte hier sogar etwas fordern, ich will aber nicht kritisieren und auf keinen Fall schon wieder jammern.
Ich glaube, unsere Gesellschaft wird zunehmend zum virtuellen Chatroom (aus dem Englischen "plaudern", im "Raum" oder in der "Stube", also einem Plauderstübchen). Leben wir also zukünftig in einer Gesellschaft, in der die Menschen möglicherweise jede Bindung zueinander verlieren und individuelle Habgier und wiederkehrende oft nur noch inhaltslose Rituale sich ausbreiten? Ich hoffe nicht. Es ist für mich sehr wichtig, "die kleinste wirtschaftliche Einheit", den einzelnen Menschen, in seiner Vielfalt wahrzunehmen. Verschiedene Darstellungen einer menschlichen Mikroökonomie mit den jeweiligen Beschreibungen der Lebensverhältnisse eines Telefoncenter-Betreibers aus Gambia zum Beispiel oder einer Kassiererin aus Neuseeland, eines Fremdenführers aus Bali oder eines Käsefabrikanten aus Uruguay regen mich dabei an, eine Zufriedenheit, eine oft ungeahnte Kreativität und einfach nur den Alltag anderer Menschen in unserer Welt zu erkennen.
Ja, ich möchte auch einmal mit dem Käsefabrikanten aus Uruguay unter seinem Olivenbaum sitzen, den Mate-Tee mit frisch gepresstem Orangensaft trinken. Es geht aber auch hier um direkte Nachbarn, um die Frau, die sich für Sahnetorte interessiert oder den Mann, der über Beamte und Bier erzählt.
Wieder einmal die Individualität in der Komplexität unserer globalen Lebenswelten zu entdecken, darum möchte ich Sie hier bitten. Nehmen Sie sich einmal die Zeit für einen anderen Menschen. Es macht Freude, zuzuhören oder Neues zu entdecken und dabei vielleicht manchmal ein wenig bescheidener zu werden.
Interessieren Sie sich doch einmal wirklich für "die kleinste wirtschaftliche Einheit", jetzt oder auch am Montag oder öfter. Danke sehr.
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17 Kommentare im Themenforum »Gesellschaft und Gesellschaftskonzepte«
Über Wilfried Hautop
Wilfried Hautop ist Geschäftsführer des Martinhofs der Werkstatt Bremen und der Werkstatt Nord sowie Vorsitzender der Stiftung Martinshof. Die Werkstätten für behinderte Menschen bieten 1.800 Plätze an 30 Standorten in und um Bremen und darüber hinaus zahlreiche Außengruppen in Betrieben für Menschen mit Behinderungen in Betrieben.
Daniel Naumann kommentiert den Artikel aus DIE ZEIT mit dem Titel: „Ein Mord, trotz alledem“. Thematisiert werden darin die möglichen Ursachen des rassistisch motivierten Mordversuchs an einem Deutschen äthiopischer Herkunft in Potsdam. „Angeblich ist eine »verfehlte Jugend- und Bildungspolitik« daran schuld, dass am vergangenen Wochenende zwei bislang unbekannte Rechtsextremisten in Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam einen dunkelhäutigen Ingenieur fast totgeschlagen haben.“
Wieder einmal ist es eine ostdeutsche Stadt, die in Sachen gewalttätiger Intoleranz gegenüber Menschen "anderer" Herkunft oder "anderer" Religion traurige Schlagzeilen macht. Wieder einmal verwundert es mich, wie schnell und genau Menschen aus unserer Mitte wissen, woran es gelegen hat oder wie es soweit kommen konnte. Und wieder einmal ist es erstaunlich, wie wenige Konsequenzen offenbar der einzelne Bürger aus den Auswüchsen des seit Jahrtausenden bekannten Phänomens zieht. Da werden "die Politik", die aktuelle regionale wirtschaftliche Situation, soziale Probleme und die Lebensumstände der Täter bemüht. Natürlich haben alle diese Dinge Einfluss auf die konkrete Motivation der Täter. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hauptschuld tatsächlich die Täter selbst tragen. Und dass diese Täter getragen werden von der Bequemlichkeit der Nichtbetroffenen. Diese bemühen dann gern "den Staat", "die Justiz" und "die Politik", mehrheitlich wohl insgeheim wissend, dass sie damit die Verantwortung sehr bequem an „die da oben“ delegieren.
In meiner ebenfalls zufällig ostdeutschen Heimatstadt gibt es das alles auch. Allerdings weiß ich mich hier glücklicherweise auch von Menschen umgeben, die es für die Pflicht der Einzelnen halten, das in ihrer Macht stehende zu tun, um ein Klima zu schaffen, dass den Tätern so wenig wie möglich Raum zur Tat lässt. Dabei sind die Mittel der Einzelnen sehr unterschiedlich: Als Lehrende im Unterricht vermitteln sie elementares Wissen und die Fähigkeit zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu differenzieren. Andere verschaffen durch ihre öffentlichen Aktivitäten Mitbürgern Zugang zu einer differenzierten Wissens- und Meinungsbildung über "andere" Kulturen, Traditionen und Religionen. Oder sie setzen Zeichen, indem sie in der Betriebskantine und am Stammtisch nicht schweigen, wenn sie es doch lieber tun würden. Wichtig scheint mir zu sein, das eigene Gewissen - dass in der Regel recht genau weiß, was gut und was böse ist - nicht zu
unterdrücken.
Das Unvermögen von Politik, Justiz und Wirtschaft, diese Phänomene auszurotten, ist immer „nur" das Unvermögen des Einzelnen. Gut, dass es auch die anderen Einzelnen gibt, in der Politik, in der Justiz, in der Wirtschaft und am Stammtisch.
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Über Daniel Naumann
Daniel Naumann, 1968 geboren, Krankenpfleger, ist verheiratet und Vater einer 4jährigen Tochter. Seit 1991 unterrichtet er an Chemnitzer Gymnasien biblisches Hebräisch. Seit 2004 ist er Vorsitzender der AG Chemnitz der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Die DIG-AG Chemnitz veranstaltet seit 15 Jahren die Chemnitzer "Tage der Jüdischen Kultur".
Gisela Kayser nimmt in ihrem Kommentar Bezug zu dem Artikel aus DIE ZEIT mit dem Titel: "Die Zone". Thematisiert werden die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe auf die Lebensumstände der Menschen in Tschernobyl. "Im Norden der Ukraine wachen Tausende von Technikern über die Reste des Reaktors von Tschernobyl, der vor 20 Jahren explodierte. Trotz der Strahlung wollen viele Menschen in der Umgebung leben."
Am 26. April 1986 schoss Igor Kostin das erste und einzige Foto, das von dem Tag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl existiert. Seither sind 20 Jahre vergangen. 20 Jahre des Vergessens, des Ignorierens und voller offizieller Fehlmeldungen, die auch und gerade von westlicher Seite gefördert und weiter getragen werden. 20 Jahre des Verschweigens kennzeichnen den Umgang mit dem größten atomaren Unfall der Geschichte.
Scheinbar objektive Informationen haben wir mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen - und diese sind nun Teil unseres Alltagswissens. Nur so wird verständlich, warum wir heute der Katastrophe von Tschernobyl gelassen gegenüberstehen, sie geradezu vergessen haben. Wir wissen nicht, wie stark sich die radioaktive Wolke über Deutschland abregnete und ignorieren, dass ein einzelnes eingeatmetes Atom aus dieser Katastrophe möglicherweise in jedem von uns Jahrzehnte später Krebs auslösen kann, wenn es sich einmal in unserer Lunge festgesetzt hat.
Lesen Sie Artikel wie den aus DIE ZEIT, der an all die Menschen vor Ort und deren vergessenes Schicksal erinnert. Vergleichen Sie die Informationen mit dem gemeinsamen Bericht der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), der Weltgesundheitsorganisation
und den Vereinten Nationen.
Hunderttausende junge Männer, so genannte Liquidatoren, räumten seit dem ersten Tag der Katastrophe und in den Folgemonaten auf dem Gelände des Atomkraftwerkes auf und dekontaminieren die umliegenden Dörfer, weil die Technik aufgrund der Strahlung versagte.
Viele von Ihnen sind später buchstäblich zerfallen, ohne dass jemand Notiz von ihnen nahm oder ihre tatsächliche Todeszahl je bekannt gemacht worden wäre. Die IAEA spricht bis heute von 59 Toten - das ist die Zahl der offiziellen Presseaussendung. Wenn bei einer Witwe eines Liquidators ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes angerufen wird, um ihn zu sprechen, fragt man sich, wann die IAEA mit dem Zählen aufgehört hat.
Die Erinnerung wach halten soll auch eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus in Berlin.
Sechs internationale Fotografen zeigen Momente aus der Wirklichkeit vor Ort: Paul Fusco (USA), Andreas Gefeller (Deutschland), Anatol Kliashchuk (Belarus), Igor Kostin (Ukraine), Rüdiger Lubricht (Deutschland) und Gerd Ludwig (USA).
Machen Sie sich selbst ein Bild.
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Über Gisela Kayser
Gisela Kayser kuratiert und organisiert seit zehn Jahren Ausstellungen des Freundeskreises Willy-Brandt-Haus e.V. in Berlin. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sind zeitgeschichtliche Fotoausstellungen zu wichtigen gesellschaftspolitischen Themen wie aktuell zu Tschernobyl. Die Ausstellung mit dem Titel: "Eine Katastrophe und ihre Auswirkungen" ist im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, 10963 Berlin, U-Bhf. Hallesches Tor, von Di. bis So. von 12 Uhr - 18 Uhr bis zum 14. Mai 2006 geöffnet. Der Eintritt ist frei. Ein Ausweis ist erforderlich.
Christian von Aster kommentiert den Artikel im Tagesspiegel mit dem Titel: "Der Tag, an dem der Krieg zur Kunst wird". Der Artikel befasst sich mit dem Gastgeschenk, das Chinas Präsident Hu Jintao anlässlich des Staatsbesuches in die USA für seinen Gastgeber, George W. Bush, im Gepäck hatte: Die Prachtausgabe des 2500 Jahre alten chinesischen Klassikers „Die Kunst des Krieges“ von General Sun Tzu. "Wahrscheinlich hat Hu gedacht, wie man mal erfolgreich Krieg führt, also so etwas könnte George W. Bush ganz bestimmt auch interessieren."
Es hätte eine Lotoswurzel sein können, ein Buch über die Geheimnisse der chinesischen Küche oder ein antiker Kimono. Doch Chinas Präsident Hu Jintao überreichte George W. Bush „Die Kunst des Krieges".
Es ist beinahe, als schenke man der Puffmuter ein Kamasutra, um ihren Umsatz anzukurbeln. Bei seinem nächsten Chinabesuch wird George W. Bush dann einige Schriften des einstmaligen spanischen Großinquisitors Thomas der Torquemada, der nicht weniger als 28 Bücher über die Folter verfasste, im Gepäck haben.
Hernach werden sich die Kollegen Bush und Lukashenko allerdings einigen müssen, wer Silvio Berlusconi im Rahmen eines Staatsbesuches das große 1 x 1 der Wahlmanipulation überreichen darf.
Wir waren Deutschland, waren Papst, aber was haben wir den Mächtigen dort draußen zu geben?
Wem in aller Welt vermöchte Angela Merkel hilfreich eine Erstausgabe von „Mein Kampf“ anzureichen? Die nahe liegenden Antworten würden nicht zu unrecht geschmacklos erscheinen.
Das Gastgeschenk Hus aber ist schlussendlich kaum mehr als ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, wie überflüssig nach und nach unsere Satiriker und Kabarettisten werden. Der Unterhaltungswert der internationalen Politik ist beängstigend hoch, unser Klopapier heißt „Elegance“ und an unseren Bushaltestellen wirbt eine Gruppe namens „Tokio Hotel“ mit dem Satz „Kämpfe gegen Gewalt an der Schule“ für oder gegen selbige.
Unsere Realitäten lassen sich kaum noch ad absurdum führen.
Und genau darum wäre ein Lotoswurzel mir lieber gewesen ...
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Über Christian von Aster
Christian von Aster, Jahrgang 1973, Autor und Herausgeber von Science-Fiction-Literatur, Genregrenzensaboteur, literarischer Hedonist und Teilzeitzyniker, lebt und arbeitet nach einem Studium der Kunst und der deutschen Sprache als Satiriker und Regisseur in Berlin (www.vonaster.de).
Adrienne Goehler kommentiert den Artikel auf SPIEGEL ONLINE: "Bastelarbeiten am Sozialstaat". Thematisiert wird darin, dass die SPD den "vorsorgenden Sozialstaat" als neues Leitbild in ihr Grundsatzprogramm einführen will, da der herkömmliche Sozialstaat mit seinen nachsorgenden Zielen an seine Grenzen gestossen sei: "Er kümmert sich zu wenig darum, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel und Armut von vornherein zu verhindern", heißt es in den Leitsätzen.
Mir mangelt es an der Phantasie mir vorzustellen, wie der Parteichef der SPD, jener Partei, die seit 9 Jahren an der Regierung ist, heute glaubhaft machen will, wie ein "vorsorgender Sozialstaat" entstehen soll. Bedenkt man, dass gerade nahezu alle präventiven und stützenden Maßnahmen für Bildung, Gesundheit, Soziales radikal gestrichen werden.Gewiss sind Programmleitsätze keine Tagespolitik, aber dürfen sie mit der Illusion spielen, der Sozialstaat könne "Krankheiten, Arbeitslosigkeit... von vorneherein verhindern"?
Solche Sätze lassen befürchten, dass Beck auch nicht den Mut aufbringen wird, zu sagen, was die Politik bisher hartnäckig verschweigt, was aber alle wissen, oder zumindest ahnen: Dem Sozialstaat ist sein konstitutives Gegenüber, die vollbeschäftigte Arbeitsgesellschaft, unrettbar verloren gegangen.
Die Konsequenz daraus muss sein, radikal über andere Lebens- und Arbeitstätigkeiten nachzudenken, über Möglichkeiten der Einzelnen gestaltende, nicht reparierende Verantwortung für ihr Leben in der Gesellschaft übernehmen zu können. Verantwortung hat etwas mit Antworten zu tun, und das kann nur, wer gefragt worden ist, auch nach seinen Fähigkeiten und Ideen. Mir scheint die Menschen haben es satt, von der Regierung nur als Problem, nicht aber als Teil der Lösung verstanden zu werden. Das Soziale hat in unserer Gesellschaft nur eine Zukunft, wenn die Parteien anfangen, der Bevölkerung die Teilhabe am notwendigen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen dieser Republik zuzutrauen und ihr dafür Werkzeuge und Raum zu geben. Raum um verschiedene – auch ökonomische Modelle - zu erproben.
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Über Dipl.-Psychologin Adrienne Goehler
Dipl.-Psychologin; 1985 - 1989 Abgeordnete der Frauenliste der GRÜNEN/GAL in der Hamburger Bürgerschaft;1989 - 2001 Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg; 2001 - 2002 Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin; 2002 - 2006 Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, Berlin.
Enno E. Peter kommentiert den Artikel aus der Pforzheimer Zeitung "Lust an der Literatur wecken", über die bundesweite Kampagne des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum heutigen "Welttag des Buches". Thematisiert wird darin die Auftaktveranstaltung, bei der Prominente wie die Schauspielerin Iris Berben mit Lesungen aus ihren Lieblingsbüchern um die Lust am lesen werben.
Miguel de Cervantes und William Shakespeare verstarben am gleichen Tage: Am 23.04.1616. Im November 1995 erklärte deshalb die UNESCO den 23. April zum Welttag des Buches. Die UNESCO möchte mit dem Welttag des Buches und den damit verbundenen weltweiten Aktivitäten Buch und Lesen fördern. Doch wie sieht die deutsche Ausgestaltung dieses bibliophilen Feiertages aus, der auf den Gräbern der Titanen Cervantes und Shakespeare errichtet wurde?
Der ehrenwerte Börsenverein des Deutschen Buchhandels schickt seit einigen Jahren mehr oder minder Prominente als Leseköpfe ins Rennen, die um die Gunst des Leser buhlen sollen. Darunter Iris Berben, die als Patin die Kampagne unterstützt, der Schauspieler Rainer Hunold, die Schauspielerin Annette Frier und der Schriftsteller Jan Weiler. Mein lieber Herr Börsenverein, man muß kein Marketingexperte sein, um zu erkennen, daß mit diesen Identifikationsfiguren für die Generation 50+ keine Jugendlichen angesprochen werden. Wo sind die Vertreter der Jugendkultur? Was lesen Sido und Bushido, Tokio Hotel und Julimond? Ihr wisst es nicht.
Stattdessen schimpft man gern auf das Internet, in dem man die Jugendlichen verloren glaubt. Ein Medium, das Verlage und der Buchhandel lange mit Misstrauen beäugt haben und bis heute nicht verstanden haben. Wo sind eure Foren für Leser? Wo bleibt die Möglichkeit, Autoren zu ihren Werken zu befragen, wo die Leseproben eurer Bücher? Im Gegensatz zur Musikindustrie ist diese Branche doch auf der sicheren Seite. Kein Schüler wird eine digitale Raubkopie des Harry Potter am Bildschirm lesen oder sich eben mal ausdrucken.
Die Verstocktheit der Verlage wird durch den Buchhandel flächendeckend unterstützt. Ja, ich kauf meine Bücher auch im Internet, anstatt Buchhändlern zu zuschauen wie sie ihre behäbigen Datenbanken benutzen und mit zittrigen Fingern ihre Abfragen eingeben und mich dann alle Tage wieder im Laden zu melden, um - wie neulich geschehen - nach acht Wochen zu erfahren, daß der Händler an das Buch nicht „rankommt“. Meine eigene Recherche im Internet dauerte Minuten und das Buch war nach ein paar Tagen in meinem Briefkasten.
Seit 1995 beschäftige mich damit, wie Literatur im Internet geschrieben und präsentiert werden kann. Unabhängig vom Literaturbetrieb, dem Feuilleton und dem Buchmarkt entstand dort eine große rege Szene von jungen Autoren, literarischen Gruppen und Websites wie z.B. das 1999 gegründete tage-bau-Projekt im Berliner Zimmer. Weniges in der Literaturszene im Internet ist von hoher literarischer Qualität, aber eines gelingt: ein lebendiger Austausch über Literatur, die sich aktuellen Themen widmet und oft die multimedialen Möglichkeiten des Mediums nutzt.
Doch keine Angst, das Buch wird dennoch überleben.
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Über Enno E. Peter
Enno E. Peter ist seit 1998 Herausgeber des virtuellen Literatursalons Berliner Zimmer
(www.berlinerzimmer.de). Hauptberuflich berät er Unternehmen im
Bereich Marketing.
Eckhard Fangmeier kommentiert den Artikel aus der Financial Times Deutschland mit dem Titel "Ölpreis steigt auf dritten Rekord in Folge". Darin werden die Sorgen über Lieferengpässe thematisiert, die die Preisspirale am Weltölmarkt schüren. Lieferausfälle und weltweiter Energiehunger lassen unsere Gesellschaft ohnmächtig erscheinen. Gibt es Auswege?
Durch alle Medien ist es bis zum letzten Verbraucher gedrungen: Der Ölpreis steigt ins schier Unermessliche. Jeder Einzelne ist betroffen. Bei der Heizölrechnung, beim Tanken. Der Ölpreis ist auf dem höchsten Niveau aller Zeiten angekommen. Die Aussichten sind bedrückend. Ereignisse wie z.B. der Hurrikan Katharina, der Atomstreit im Iran, anhaltende Gewalt im Ölproduzentenland Nigeria und die anhaltende Nachfrage nach Öl auf den Weltmärkten begründet laut FTD den gestiegenen Ölpreis. Der Einzelne ist überfragt, die Fakten zu plausibilisieren. Aber das Bild reimt sich zusammen. Die Ressource Öl ist gefragt. Knappe Ressourcen bewirken, dass die Angst, zu wenig abzubekommen, den Wert steigern. Wenn dann noch der Löwenanteil der Erdölvorkommen in politisch instabilen Ländern liegt, in denen westlich Logik oft kläglich versagt, dann sollte uns die Abhängigkeit und Endlichkeit des Energieträgers Öl zum Handeln bringen. Selbst wenn wir noch 50 Jahre auf Erdölvorräte zurückgreifen könnten, müssen wir neue Lösungen finden, das weltweite Energieproblem zu lösen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.
Neben ökonomischen Desaster ist auch ein ökologisches und soziales Desaster zur erwarten. Energie als Grundlage des Lebens in aller Welt muss zukünftig umweltfreundlich, ohne Entsorgungsprobleme, bezahlbar und gerecht für alle Menschen produziert werden können. Erderwärmung, Katastrophen (Tschernobyl), Tankerunglücke, Überschwemmungen, Gletscherschmelze, das alles ist bekannt. Wir Menschen tragen Verantwortung für uns und unsere Umwelt. Mit unserer Einstellung können wir unsere Lebensumstände beeinflussen. Wir dürfen die Verantwortung nicht einfach abgeben, sondern müssen bei uns selbst anfangen.
In unserem 750-Seelen Dorf Jühnde haben wir Verantwortung für eine umweltgerechte Energieversorgung übernommen.
Durch das IZNE der Universität Göttingen angeregt und unterstützt, haben wir unsere eigene Energieanlage gebaut, die Strom und Wärme aus Biomasse produziert. Vor Ort nutzen wir nachwachsende Ressourcen zur Energiegewinnung und zeigen so als gesamtes Dorf neue Wege der Energieversorgung (Strom und Wärme) auf.
Wenn die Financial Times Deutschland am Schluss die Prognose aufstellt, dass der Ölpreis mit Sicherheit auch seinen bisherigen Rekordstand überschreiten werde, sollte dies jedoch nicht allein unsere Denken und Handeln bestimmen.
Das bedeutet für mich: Verantwortung für Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen übernehmen und Bewusstsein für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Energieversorgung zu schaffen.
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Über Dipl.-Physiker Eckhard Fangmeier
Eckhard Fangmeier, Dipl.-Physiker, Vorstand der Betreibergesellschaft des Bioenergiedorfes Jühnde (erstes Bioenergiedorf Deutschlands) und Manager eines mittelständischen Unternehmens für Fertigungsmesstechnik, ist nebenberuflich für die Energieversorgung des ganzen Dorfes aus natürlichen Ressourcen mitverantwortlich.
Dr. Lale Akgün bezieht sich in ihrem Kommentar auf den Artikel aus DIE ZEIT "Hass auf den schwarzen Mann", der die Reaktion in Deutschland auf den fremdenfeindlichen Übergriff auf einen Schwarzafrikaner zum Thema macht: "Ausländer müssen sich integrieren, hören wir seit Wochen. Dann wird in Potsdam ein bestens integrierter Deutsch-Äthiopier fast totgeschlagen."
In diesen Tagen mache ich mir wieder Sorgen um unser Land und um die Bürger, die sichtbar nicht-deutscher Herkunft sind. Seit Anfang der 90er Jahre sind bereits 134 Menschen rassistischer Gewalt zum Opfer gefallen. Angesichts der jüngsten Übergriffe in Potsdam und Berlin frage ich mich, ob es zu einer neuen Eskalation kommt. Geht es nun wieder los - wie schon einmal Anfang der 90er Jahre, als Asylbewerberheime brannten? Allein in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren zwischen 1992 und 1994 wurden 29 Menschen aus rassistischen Gründen brutal ermordet.
Die Parallelen zu damals sind nicht zu übersehen, auch damals fing alles mit unguten öffentlichen Debatten an.
So wurde in den frühen Neunzigern gerne getitelt, dass „das Boot voll“ sei. Heute ruft mancher meiner Kollegen mit Inbrunst “Wir waren zu tolerant“.
Im Ausland werde ich gefragt, wie man im Land von Kant und Hegel zu tolerant sein könne. „Sie reden von der Leitkultur und treten Kant als Bestandteil eben dieser Kultur mit Füßen“ so die Außenwahrnehmung Deutschlands.
Die Botschaft, die seit einigen Monaten aus bestimmten Kreisen in Richtung der Zugewanderten geht, lautet: „Ihr seid anders, ihr gehört nicht zu uns.“
Das aber ist eine gefährliche Botschaft. Sie ist umso gefährlicher, als sie auch von denen gehört wird, die vor rassistischen Übergriffen nicht zurückschrecken. Diejenigen, die in Wort und Schrift das Ende der Toleranz gegenüber Zugewanderten ankündigen, die sich offen für Repressalien aussprechen, die Angehörige anderer Religionsgemeinschaften verunglimpfen, sollten sich darüber bewusst sein, was sie tun. Sie sollten wissen, dass sie dabei sind zu zündeln. Und sie sollten nicht in Betroffenheitsfloskeln ergehen, wenn es dann tatsächlich brennt.
In sechs Wochen beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautet der Slogan. Es ist ein schöner Slogan und ich kann nur hoffen, dass wir ihm alle Ehre machen. Denn die Welt ist nicht nur zu Gast, die Welt beobachtet auch sehr genau, was bei uns passiert.
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Über Dr. Lale Akgün
Dr. Lale Akgün ist SPD-Bundestagsabgeordnete sowie islampolitische und
stellvertretende europapolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.
Von 1997 bis 2002 leitete sie das Landeszentrum für Zuwanderung des
Landes Nordrhein-Westfalen. Davor war sie 15 Jahre lang als
Diplom-Psychologin in der Kölner Familienberatung tätig.
Prof. Straubhaar kommentiert einen Beitrag im Deutschlandfunk: "Einkommen ohne Bedingung. Debatte um Recht auf Einkünfte für jeden". Die Idee eines Grundeinkommens ist Jahrhunderte alt. Die Menschen sollen - so die Theorie - durch ein bedingungsloses Grundeinkommen am gesellschaftlichen Produktivitätsfortschritt teilhaben.
Das Konzept des Grundeinkommens ist eine radikale Alternative zur nicht mehr zukunftsfähigen Umverteilung durch die Sozialversicherungen in Deutschland. Das Grundeinkommen wird ohne Bedingung, ohne Gegenleistung, ohne Antrag und damit ohne bürokratischen Aufwand als sozialpolitischer Universaltransfer an alle, vom Säugling bis zum Greis, ausbezahlt. Die Höhe des Grundeinkommens bleibt letztlich eine politische Entscheidung. Als Orientierung für die Höhe der Transferzahlung könnten die 7.525 Euro dienen, die bereits jetzt pro Einwohner und Jahr in Deutschland im Rahmen des Sozialbudgets umverteilt werden. Im Gegenzug werden nahezu alle steuer- und abgabenfinanzierten Sozialleistungen abgeschafft. Damit entfällt ein Großteil des bürokratischen Berechtigungs-, Ermittlungs- und Kontrollaufwands. Die Menschen gewinnen an Handlungsfreiheit. Ein Niedriglohnjob wird zum willkommenen Zusatzverdienst. Wer weiß, dass das Existenzminimum gesichert ist, wird kommende Herausforderungen als Chance und nicht als Bedrohung bewerten und rascher zu unverzichtbaren Veränderungen bereit sein. Die Versicherungsökonomie zeigt, dass eine individuelle Mindestsicherung positive gesamtwirtschaftliche Effekte auslöst.
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Über Prof. Dr. Thomas Straubhaar
Prof. Dr. Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen
WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für
Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität
Hamburg. 2004 wurde er mit dem Ludwig Erhard Preis für
Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Seine Forschungsschwerpunkte sind:
Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Ordnungspolitik, Bildungs- und
Bevölkerungspolitik.
Lea Rosh bezieht sich in ihrem Kommentar auf den Artikel im Tagesspiegel: "Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen". Darin lesen wir:"Nach dem rechtsextremen Mordversuch an einem Äthiopier in Potsdam hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernommen. Der verletzte Mann ringt nach dem Überfall weiter mit dem Tod".
Gestern, am Ostermontag, als sich noch viele Menschen „Fröhliche Ostern“ wünschten, höre ich auf der Fahrt von Brandenburg nach Berlin Radio. Wie immer höre ich Nachrichten. Die Spitzenmeldung: Ein 37jähriger Äthiopier ist von Neonazis so zusammengeschlagen worden, dass er mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus kam. Koma. Ort der Tat: Potsdam, eine Straßenbahnhaltestelle. Uhrzeit: Morgens um vier. Warum? Durch einen Zufall lief während des Überfalls sein Mobiltelefon, daher wissen wir, warum er zusammengeschlagen wurde: Zwei Personen, offenbar ist eine Frau dabei, beschimpfen ihn als „dreckigen Nigger“. Er fragt noch: „Wieso nennt ihr mich Nigger?“ Dann kann er gar nichts mehr fragen. Dass er überhaupt noch lebt, verdankt er und verdanken wir einem Taxifahrer, der die Täter in die Flucht treibt. Ohne diesen Mann wäre er ….
Mir ist die Osterlaune vergangen.
Wo ist der Taxifahrer? Auch er muss gefunden und irgendwie geehrt werden.
Ich bin für scharfe Strafen. Das geht nicht mit Bagatellstrafen ab.
Hoffentlich kriegen sie die beiden Kanaillen. 12-köpfige Sonderkommission, 5.000 Euro Belohnung. Aber der Afrikaner ist so schwer verletzt, dass man nicht nur um sein Leben fürchten muss.
Deutschland, Deutschland über alles.
Ach, wir müssen uns schämen.
Dabei: Wie arm wäre unser Land ohne die bei uns lebenden Ausländer!!
Wir müssen uns alle um ihn kümmern, wenn er rauskommt, hoffentlich.
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Über Lea Rosh
Lea Rosh, Berlinerin, Publizistin, Direktorin a. D., Initiatorin des in Berlin errichteten „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, ausgezeichnet mit Preisen für ihr Engagement für Minderheiten (Juden, Zigeuner, Sinti und Roma, Schwule, türkische Frauen, rassistisch Verfolgte).






