Tagebuch
Im Gesellschafter-Tagebuch verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden.
Enno E. Peter kommentiert den Artikel aus der Pforzheimer Zeitung "Lust an der Literatur wecken", über die bundesweite Kampagne des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum heutigen "Welttag des Buches". Thematisiert wird darin die Auftaktveranstaltung, bei der Prominente wie die Schauspielerin Iris Berben mit Lesungen aus ihren Lieblingsbüchern um die Lust am lesen werben.
Miguel de Cervantes und William Shakespeare verstarben am gleichen Tage: Am 23.04.1616. Im November 1995 erklärte deshalb die UNESCO den 23. April zum Welttag des Buches. Die UNESCO möchte mit dem Welttag des Buches und den damit verbundenen weltweiten Aktivitäten Buch und Lesen fördern. Doch wie sieht die deutsche Ausgestaltung dieses bibliophilen Feiertages aus, der auf den Gräbern der Titanen Cervantes und Shakespeare errichtet wurde?
Der ehrenwerte Börsenverein des Deutschen Buchhandels schickt seit einigen Jahren mehr oder minder Prominente als Leseköpfe ins Rennen, die um die Gunst des Leser buhlen sollen. Darunter Iris Berben, die als Patin die Kampagne unterstützt, der Schauspieler Rainer Hunold, die Schauspielerin Annette Frier und der Schriftsteller Jan Weiler. Mein lieber Herr Börsenverein, man muß kein Marketingexperte sein, um zu erkennen, daß mit diesen Identifikationsfiguren für die Generation 50+ keine Jugendlichen angesprochen werden. Wo sind die Vertreter der Jugendkultur? Was lesen Sido und Bushido, Tokio Hotel und Julimond? Ihr wisst es nicht.
Stattdessen schimpft man gern auf das Internet, in dem man die Jugendlichen verloren glaubt. Ein Medium, das Verlage und der Buchhandel lange mit Misstrauen beäugt haben und bis heute nicht verstanden haben. Wo sind eure Foren für Leser? Wo bleibt die Möglichkeit, Autoren zu ihren Werken zu befragen, wo die Leseproben eurer Bücher? Im Gegensatz zur Musikindustrie ist diese Branche doch auf der sicheren Seite. Kein Schüler wird eine digitale Raubkopie des Harry Potter am Bildschirm lesen oder sich eben mal ausdrucken.
Die Verstocktheit der Verlage wird durch den Buchhandel flächendeckend unterstützt. Ja, ich kauf meine Bücher auch im Internet, anstatt Buchhändlern zu zuschauen wie sie ihre behäbigen Datenbanken benutzen und mit zittrigen Fingern ihre Abfragen eingeben und mich dann alle Tage wieder im Laden zu melden, um - wie neulich geschehen - nach acht Wochen zu erfahren, daß der Händler an das Buch nicht „rankommt“. Meine eigene Recherche im Internet dauerte Minuten und das Buch war nach ein paar Tagen in meinem Briefkasten.
Seit 1995 beschäftige mich damit, wie Literatur im Internet geschrieben und präsentiert werden kann. Unabhängig vom Literaturbetrieb, dem Feuilleton und dem Buchmarkt entstand dort eine große rege Szene von jungen Autoren, literarischen Gruppen und Websites wie z.B. das 1999 gegründete tage-bau-Projekt im Berliner Zimmer. Weniges in der Literaturszene im Internet ist von hoher literarischer Qualität, aber eines gelingt: ein lebendiger Austausch über Literatur, die sich aktuellen Themen widmet und oft die multimedialen Möglichkeiten des Mediums nutzt.
Doch keine Angst, das Buch wird dennoch überleben.
Schlagwörter: Tagebuch
Über Enno E. Peter
Enno E. Peter ist seit 1998 Herausgeber des virtuellen Literatursalons Berliner Zimmer
(www.berlinerzimmer.de). Hauptberuflich berät er Unternehmen im
Bereich Marketing.






