Tagebuch
Im Gesellschafter-Tagebuch verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden.
Lohndumping, Tarnfirmen, Schwarzarbeit: Karl Ludwig Schweisfurth bezieht sich auf den Bericht »Regierung droht Fleischbranche mit Mindestlohn« über fragwürdige Beschäftigungspraktiken in Deutschlands Fleischfabriken. Auf SPIEGEL ONLINE erfahren wir: »Etwa 17.000 Osteuropäer arbeiten nach Angaben des Ministeriums inzwischen in der deutschen Fleischbranche«, darunter viele illegal Beschäftigte aus osteuropäischen Staaten, die für Dumpinglöhne schuften. Es gebe »Hinweise auf Stundenlöhne von 3,50 Euro bei Polen, die Fleisch verpacken, zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche«, führt die PASSAUER NEUE PRESSE unter dem Titel »Hungerlöhne in der Fleischindustrie« dazu aus. Die Missstände sind nicht neu. Nachdem eine Task Force zwei Jahren lang ergebnislos gegen diese Beschäftigungspraktiken gekämpft hat, fordern jetzt Gewerkschaften und Regierung Mindestlöhne.
Ich bin empört über die sozialen Zustände der Fleischwarenindustrie heute, aus der ich ja schließlich komme und die ich bis vor 20 Jahren aktiv mit geprägt habe. Was da geschieht ist skandalös und erinnert mich an die Zustände der berühmt berüchtigten Schlachthöfe von Chicago vor 100 Jahren, deren Ausläufer ich während meiner Lehr- und Wanderzeit in Amerika noch erlebt habe: Ähnlich langweilige, sinnlose, geisttötende Handgriffe von heimatlosen Menschen, zu einem Hungerlohn nur auf einem perfekten technischen und hygienischen Niveau. Die gelernten bodenständigen Metzger sind längst entlassen und arbeitslos.
Haben wir das gewollt? Ist das unser Traum von der schönen neuen Welt, in der Maschinen und Technik den Arbeitern das Leben angenehmer und schöner gestalten sollte? Hier sehen wir die hässliche Kehrseite von »Geiz ist geil« und dem mörderischen Wettbewerb des Handels um den billigsten Preis. Das gilt insbesondere bei Fleisch, seitdem auch die Discounter massiv in dieses Geschäft eingestiegen sind.
Was essen wir wirklich? Und wie sieht es hinter der schönen Fassade aus? Hauptsache billig, Hauptsache viel? Hauptsache satt?
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12 Kommentare im Themenforum »Ethik in Wissenschaft und Wirtschaft«
Über Karl Ludwig Schweisfurth
Karl Ludwig Schweisfurth, 1930 geboren, führte nach Fleischerlehre und Betriebswirtschaftsstudium schon in jungen Jahren das Herta-Fleischwaren-Familienunternehmen zur modernsten Fleischwarenfabrik Europas. Von 1966 bis 1979 war er Präsident des Bundesverbandes der deutschen Fleischwarenindustrie. 1984 verkaufte Schweisfurth den Wurstwarenkonzern und stieg aus der herkömmlichen Fleischproduktion aus, um sich an ganzheitlichen, ökologischen Konzepten zu orientieren. 1985 gründet er die Schweisfurth-Stiftung, 1986 die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, um seiner Vision von einer neuen und nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur zu folgen. Sein Anliegen: den achtsamen Umgang mit allem Leben zum Maßstab des eigenen Handelns machen.






