Tagebuch
Im Gesellschafter-Tagebuch verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden.
Erneut ist ein Ministerium mit fragwürdiger PR in die Schlagzeilen geraten. Laut REPORT MAINZ soll das Bundesgesundheitsministerium positive Radiobeiträge zur Gesundheitsreform als journalistische Beiträge auf mehreren Radiosendern ausgestrahlt haben. Die Beiträge waren demnach von einer PR-Firma so produziert, »dass sie der Hörer mit einem journalistischen Beitrag verwechseln sollte«. In einer schriftlichen Stellungnahme des Ministeriums heißt es, die »journalistische Einbettung in das jeweilige Rahmenprogramm oblag immer den dortigen Redaktionen«. Sandra Müller von FAIR RADIO kommentiert, »Wie Ulla Schmidt politische Werbung als Information verkauft« als Beispiel für politische Schleichwerbung, an dessen Aufdeckung die Initiative maßgeblich beteiligt war.
Eigenartig. Da ist man selber medienschaffend und wundert sich doch, was aus einer Geschichte wird, zu der man selbst beigetragen hat: Hintergrund ist, dass eine Agentur, die auch fürs Gesundheitsministerium arbeitete, offenbar regelmäßig Geld an Radiosender zahlt, um dort PR-Beiträge zu platzieren. Doch was wird daraus in den Gazetten? Vor allem das: »Das Gesundheitsministerium hat gelogen«. Schlimm. Zugegeben. Aber ist nicht anderes viel schlimmer? Die Tatsache nämlich, dass es damit nachweislich Wege und Möglichkeiten gibt, politische Propaganda geradewegs ins Radio zu schmuggeln. Direkt ins arglose Ohr des Hörers. Dass sich offenbar immer wieder genügend Radiomacher finden, die für ein paar Groschen (und manchmal nicht einmal das) die Ideale des Journalismus verraten.
Und dabei ist die PR des Gesundheitsministeriums nur der Gipfel des Eisbergs. Von den wöchentlich Dutzenden Radiobeiträgen, die von Unternehmen in Auftrag gegeben und von Agenturen lanciert werden, war hier noch gar nicht die Rede. Die Sender spielen sie oft, ganz ohne Geld dafür zu bekommen. Einfach, weil es schon reicht, Geld zu sparen, wenn man die Stücke nicht selber machen muss. Und die Agenturen brüsten sich damit: Das, lieber Kunde, läuft im redaktionellen Teil. So wirbt man heute.
Eine Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung? Fehlanzeige.
Wie gesagt: Das anzustreben, muss man einem Ministerium als schwere Verfehlung ankreiden. Unternehmen wie Ebay oder Interessengruppierungen wie dem Verband der Versandapotheker wird man dagegen schwerlich vorwerfen können, dass sie versuchen sich im Programm zu platzieren. Und spätestens da wird klar: Die eigentlichen »Schuldigen« sitzen in den Radioredaktionen.
Und dennoch: Sofern sie kein Geld für die Ausstrahlungen bekommen - denn erst dann wird die PR juristisch zur (Schleich-)Werbung und damit ein Verstoß gegen den Rundfunkstaatsvertrag - sofern sie also unentlohnt dafür bleiben, dürfen sie sich sogar noch im Recht fühlen.
Zwar steht in den Richtlinien zum Pressekodex: »Pressemitteilungen müssen als solche gekennzeichnet werden, wenn sie ohne Bearbeitung durch die Redaktionen veröffentlicht werden«. Aber der Pressekodex gilt eben nur für die Presse, nicht für den Hörfunk. Nicht mal das also. Was bleibt, wäre: Aufklärung. Den Hörern ein kritisches Ohr empfehlen und den Radiomachern mehr Selbstkritik - statt nur mit dem Finger aufs Gesundheitsministerium zu zeigen. Der vorliegende Fall wäre eine prima Gelegenheit gewesen. Doch: Verschenkt. Vielleicht auch, weil PR und Journalismus generell ein schwieriges Thema sind. Auch für Zeitungen. Und den Zweifel an der Integrität des eigenen Berufsstandes nähren? Das gilt Vielen als Netzbeschmutzerei. Wohl auch deshalb ist im vorliegenden Fall so viel vom unmoralischen Ministerium und so wenig von den grundsatzlosen Journalistenkollegen die Rede. Schade.
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Über Sandra Müller
Sandra Müller, Jahrgang 1972, ist studierte Rhetorikerin und arbeitet als freie Hörfunkjournalistin für verschiedene öffentlich-rechtliche Sender. Sie ist Mitbegründerin der Initiative FAIR RADIO.






