Tagebuch
Im Gesellschafter-Tagebuch verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden.
Heute geht in Köln das Bernd Best Turnier zu Ende, das größte Rollstuhl-Rugby-Turnier der Welt. Rollstuhl-Rugby gilt als die härteste Sportart im Behindertensport. Turnierleiter Norbert Leisten vergleicht sie in einem Interview mit dem WDR als »Mischung aus Autoscooter und Schach«: »Rollstuhlrugby ist ein sehr temporeiches und taktisch geprägtes Spiel. Es gewinnt nicht die martialischste Mannschaft, sondern die cleverste. Die Teilnehmer erbringen eine großartige Leistung. Im Gegensatz zu nicht querschnittsgelähmten Menschen stehen ihnen nur sechs bis 14 Prozent der eigentlichen Muskelkraft zur Verfügung«. Den »Wilden Kerlen auf schnellen Rädern« ist der heutige Tagebucheintrag gewidmet. Autor ist Boris Grundl, Legende im Rollstuhl-Rugby und ehemaliger Tennis-Profi.
Ich war mal ein erfolgreicher Tennisspieler. Aber wenn mich heute jemand fragt, warum ich nach meinem Unfall nicht Rollstuhltennis gespielt habe, antworte ich: »Natürlich habe ich es ausprobiert, doch meine Hände sind nicht mehr stark genug, um den Schläger ordentlich zu halten«. Gut, wenn ich mich tüchtig anstrenge, könnte ich vielleicht auch im Rollstuhltennis irgendwann wieder über dem Durchschnitt liegen. Doch was heißt das für jemanden, der schon mal ganz oben war? Also schob ich das Thema Sport nach meinem Unfall erst einmal weit weg, bis mir einer meiner Mentoren, Dr. Horst Strohkendl, Heilpädagoge und Experte für Behindertensport am Lehrstuhl für Bewegungstherapie der Uni Köln, eines Tages ein Video zuschickte.
Es zeigte ein Rollstuhl-Rugby-Spiel. Ehrlich gesagt machten mich diese Bilder schon neugierig. Und ehe ich mich versah, stand ich mit meinem wackligen Rollstuhl in der Halle, und das Training ging los. Ohne groß nachzudenken hängte ich mich voll rein – und war der Schnellste! Aus der Mannschaft wurde mir dafür Anerkennung entgegengebracht. Das war ein gutes Gefühl und auch ein altbekanntes Muster aus Jugendzeiten: Anerkennung für sportliche Leistungen. Mann, das machte ja Spaß! Die gingen richtig zur Sache, das gefiel mir. Nicht, weil ich ein Brutalo war, sondern weil die Behindertenrolle völlig in den Hintergrund trat.
Ich weiß noch, dass »Fußgänger« immer ziemlich schockiert darüber waren, wie es beim Rollstuhl-Rugby zuging. Auch Sportreporter, die regelmäßig über uns berichteten, waren erst einmal irritiert. Besonders die, die sich aus sozialen Gründen für den Behindertensport interessierten. Nach dem Motto: Behinderte prügeln sich nicht. Schon klar, Rollstuhlfahrer sollten nicht so leistungsorientiert denken. Die können sich doch helfen lassen. Nett gemeint, aber auch wenn das vielleicht schwierig zu verstehen ist: Rugby wurde zu meinem Sport, gerade weil hier die ganze Behindertennummer plötzlich egal war. Während wir spielten, kam es mir so vor, als wäre die Welt barrierefrei – zumindest in unseren Köpfen. Aus diesem Grund habe ich weiter an mir gearbeitet.
Wenn ich heute über meine Leistungen spreche, dann meine ich immer diejenigen, die ich aus mir heraus erbringe. Der Leistungsbegriff hat absolut nichts Negatives für mich. Dann erinnere ich mich an mein erstes Rugby- Turnier: Ich wollte damals im Rugby besser werden, weil ich in diesem Sport voll aufgehen konnte und dabei eine geistige Unabhängigkeit spürte.
Vier Jahre später war es dann soweit: 1998 wurde ich zum besten europäischen Rollstuhl-Rugby-Spieler gewählt, wurde Vize-Europameister und nahm 2000 als Nationalspieler an den Paralympics in Sydney teil. Insgesamt spielte ich zehn Jahre in der Nationalmannschaft, und genauso viele Jahre war ich Präsident des deutschen Rugby-Verbands. Außerdem durfte ich an der Entstehung des weltweit größten Rollstuhl-Rugby Turniers – dem Bernd Best Turnier in Köln – mitwirken. Heute bin ich einer der Hauptsponsoren und Ehrenpräsident des Fachbereichs Rollstuhl-Rugby Deutschland. Eine große Ehre.
Während dieser Zeit habe ich erlebt was Rollstuhl-Rugby für hoch gelähmte Rollstuhlfahrer bedeuten kann. Als verunsicherte desorientierte »Behinderte« schnuppern viele in diese Sportart rein. Zwei Jahre später: Selbstbewusste, zielorientierte, selbstbestimmte »Rollis« gehen ihren Weg. Das ist es, was Rollstuhl-Rugby ausmacht. Es ist viel mehr als eine Sportart. Ein Wegweiser zu einem selbstbestimmten Leben. Außer dem gibt es im Rollstuhl-Rugby die Möglichkeit, viele interessante Menschen kennen zu lernen. Ich bin sehr dankbar für diese Begegnungen.
Persönlich habe ich durch den Sport meine Angst davor verloren, Spitzenleistungen zu erbringen obwohl ich im Rollstuhl sitze. Das ist für viele Menschen nicht leicht zu verstehen. Und auch ich habe meine Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass meine größten Barrieren die waren, die in meinem eigenen Kopf bestanden. Kurz gesagt: Durchschnittliches Denken produziert durchschnittliche Ergebnisse. Wenn du etwas verändern willst, musst du zuerst dein Denken verändern. Das ist nicht leicht, vor allem weil anders sein und anders denken immer auch die Umwelt irritiert oder gar provoziert. Wenn unsere Gedanken schon unser Schicksal bestimmen, dann soll mein Denken weder fremdbestimmt noch durchschnittlich sein.
Auch bei meiner Arbeit als Coach will ich aus mir selbst heraus und für andere Spitzenleistung bringen. Das ist so ähnlich wie beim Rugby. Ich gehe auch in meiner Arbeit voll auf, so dass ich die Widerstände in meinem Alltag fast vergessen kann.
Schlagwörter: Behindertensport, Behinderung, Rollstuhl-Rugby, Tagebuch
Über Boris Grundl
Boris Grundl ist 25 Jahre alt, als er im Urlaub von einer Klippe springt und sich die Wirbelsäule bricht. Seitdem ist der damalige Sportstudent querschnittsgelähmt. 90 Prozent seines Körpers gehorchen ihm nicht mehr. Doch anstatt aufzugeben macht er als erster Student im Rollstuhl sein Diplom an der Kölner Sporthochschule, gefolgt von einer Blitzkarriere vom Produktmanager zum Marketing- und Vertriebsdirektor in einem europäischen Großkonzern. Heute ist der 43-Jährige ein gefragter Managementtrainer, Autor und Inhaber der Grundl Leadership Akademie. Boris Grundl ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit seiner Familie lebt er in Trossingen im Schwarzwald. Als Rollstuhl-Rugby-Spieler hat er unter anderem an den Paralympics in Sydney teilgenommen.






